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Klimawandel und Geopolitik „Bewaffnete Migranten werden sich auf den Weg machen“

Wanderarbeiter im indischen Mumbai
Wanderarbeiter im indischen Mumbai: Das im Hinblick auf die Bevölkerungszahl zweitgrößte Land der Erde ist von den klimatischen Veränderungen besonders stark betroffen. | Foto: Imago Images / ZUMA Wire
Kim Catechis,
Franklin Templeton Investment Institute

Die Geopolitik beeinflusst seit jeher die Anlagerenditen. Inzwischen verändern die Auswirkungen des Klimawandels geopolitische Faktoren. Sie betreffen alle Weltregionen, sind jedoch in ärmeren Ländern mit schwachen Staatsfinanzen, einer unzureichenden Vorbereitung auf Naturkatastrophen und einer geringeren Effizienz der Institutionen stärker ausgeprägt.

Der Klimawandel verschärft die strukturellen Schwächen der Länder, wie die schlechte Finanzlage der Staaten, eine mangelhafte Gesundheitsversorgung und die geringe Fähigkeit, auf Naturkatastrophen zu reagieren, und trägt damit zur Verschärfung bestehender geopolitischer Spannungen bei. Extreme Wetterereignisse erschweren die Arbeit der Politik und verursachen soziale Unruhen. Zugleich verschärft der Klimawandel die Spannungen zwischen den Staaten: Die Bevölkerungen suchen Zugang zu sauberem Wasser und fliehen vor Umweltzerstörung, die ihnen die Lebensgrundlage raubt.

Anleger kommen daher nicht umhin, genau hinzusehen: Sind die Staaten und Regionen, in denen investiert wird, in der Lage, die Verwerfungen, die sich aus der Klimakrise ergeben, zu schultern? Bei unseren Investitionen achten wir auf gut positionierte Staatshaushalte, starke wirtschaftliche Verbindungen in die Welt sowie eine stabile Gesundheitsversorgung und eine weitsichtige Herangehensweise an demografische Herausforderungen.

Welches sind die geopolitisch am stärksten gefährdeten Regionen?

Vor durch Wasserknappheit ausgelösten geopolitischen Spannungen warnen Wissenschaftler seit Jahren. In vielen Regionen der Welt zeichnen sich bereits Konflikte ab. Politikwissenschaftler gehen davon aus, dass der Klimawandel und das Bevölkerungswachstum in den von ihm besonders betroffenen Regionen die Wahrscheinlichkeit wasserbezogener Spannungen um 75 bis 95 Prozent erhöht. Der einzige Ausweg: Entsprechende umsichtige Vorbereitungen und weitreichendes Engagement der betroffenen Länder. Die am stärksten gefährdeten Regionen befinden sich rund um die Flüsse Ganges (Indien, ‎Bangladesch), Brahmaputra (China‎, ‎Indien‎, ‎Bangladesch), Nil (Ägypten, Sudan), Indus (China, Indien, Pakistan) sowie Euphrat und Tigris (Türkei, ‎Syrien‎, ‎Irak).

Indien – eine Fallstudie

Indien ist das flächenmäßig siebtgrößte Land der Welt und hat mit 1,38 Milliarden Menschen die zweitgrößte Bevölkerungszahl weltweit. Die jährliche Wachstumsrate der Bevölkerung liegt nach Angaben der Weltbank bei 0,989 Prozent pro Jahr. Zugleich hat Indien mit 0,49 von 1,0 den zweitniedrigsten Wert unter den Schwellenländern beim Humankapitalindex der Weltbank. Der Index misst das Humankapital, das ein heute geborenes Kind bis zu seinem achtzehnten Geburtstag erwarten kann, wenn man die Risiken schlechter Gesundheitsversorgung und schlechter Bildungschancen in dem Land, in dem es lebt, berücksichtigt. Dieser Wert ist zum Teil auf die hohe Kindersterblichkeitsrate von 28,3 pro Tausend und das relativ niedrige Bildungsniveau zurückzuführen, da 64 Prozent der jüngeren Erwachsenen (im Alter von 25 bis 34 Jahren) keinen Sekundarschulabschluss haben, wie die Weltbank weiß.

Besonders anfällig ist Indien für den Klimawandel aufgrund seiner 7.517 Kilometer langen Küstenlinie. 14,6 Prozent des indischen BIP erzielen die Hunderte von Millionen Menschen (39 Prozent der Arbeitskräfte des Landes), die in der Land- und Forstwirtschaft sowie in der Fischerei ihr Auskommen finden. Die Fischerei allein macht 17 Prozent aller Agrarexporte aus und beschäftigt nach Angaben der nationalen Fischereibehörde des Landes mehr als 14 Millionen Menschen.

Noch bedeutender ist der Landwirtschaftssektor: 39 Prozent der männlichen Beschäftigten Indiens sind hier tätig (Weltbank, 2019). Vor dem Hintergrund der dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung des Schwellenlandes dürfte es hier allerdings in Zukunft weniger Arbeitsmöglichkeiten für junge Männer mit niedrigem Bildungsstand geben.

Unabhängig davon stellt sich die Frage des Wasserverbrauchs. Laut der Aquastat-Datenbank der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) werden in Indien 90 Prozent des Süßwassers für die Landwirtschaft verbraucht; deutlich mehr als der weltweite Durchschnitt, der bei 70 Prozent liegt.

Was die Lage verschärft, sind die Hitzewellen, die in Indien deutlich häufiger geworden sind. Infolgedessen haben sich eine geringere landwirtschaftliche Produktivität, erhöhter Hitzestress und eine erhöhte Sterblichkeit eingestellt. Zum Vergleich: Die Zahl der Hitzewellentage in Indien lag bis zum Jahr 2000 bei 87 pro Jahr. Im Zeitraum von 2011 bis 2019 stieg die Zahl auf 115, wie der meteorologische Dienst des Landes berichtet. Die Auswirkungen sind verheerend: Anfang Juni 2019 versengte eine intensive Hitzewelle den Norden Indiens. In einigen Regionen herrschten über drei Wochen lang Temperaturen von über 45 °C. Mitte Juni wurde in Delhi mit 48°C der heißeste Tag des Monats gemessen. Den Prognosen zufolge werden Hitzewellen in Zukunft in ihrer Häufigkeit, Dauer und Intensität zunehmen. Dieses Phänomen wird dadurch verstärkt, dass sich die Monsunzeit immer später und weiter südlich einstellt. Die daraus resultierenden negativen Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die Lebensmittelversorgung werden sehr deutlich ausfallen.

In Anbetracht des relativ niedrigen Bildungsniveaus, zurückgehender Beschäftigungsmöglichkeiten und des Ungleichgewichts zwischen den Geschlechtern (in Indien kommen auf 107 Männer nur 100 Frauen) sowie der konfessionellen Kluft (rund 200 Millionen Inder sind Muslime) scheint es ein erhebliches Potenzial für soziale Unruhen und Abwanderung zu geben.

Die direkten Auswirkungen des Klimawandels auf die Geopolitik sind aufgrund der bislang noch unzureichenden wissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema wenig bekannt. Umso wichtiger ist es, die Zusammenhänge anhand von Praxisfällen zu untersuchen. Indien ist ein Musterbeispiel für eine funktionierende pluralistische Demokratie. Aber wie alle Staaten steht das Land vor wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, die durch klimawandelbedingte Schocks verschärft werden könnten.

Eines ist klar: Die negativen Aspekte des Klimawandels verkomplizieren eine Verbesserung der Lebensqualität in wirtschaftlich schwachen Ländern. Es ist leider absehbar, dass sich bewaffnete Migranten auf den Weg machen werden und die geopolitischen Spannungen rund um die Welt verschärfen. 

Was die Entwicklung für Investitionen bedeutet

Kein Zweifel: Geopolitische Überlegungen werden im globalen Rahmen die zukünftige Wirtschafts-, Außen- und Verteidigungspolitik bestimmen. Klimawandel und Geopolitik werden daher die Investitionsergebnisse auf lange Sicht maßgeblich beeinflussen.

Die Fähigkeit eines Landes, mit den sich immer stärker abzeichnenden Risikofaktoren wirksam umzugehen, hängt von seiner strukturellen Positionierung ab. Wie ist es um die Finanzkraft des jeweiligen Staates bestellt? Welche Qualität hat seine geoökonomische Stärke? Ist die Stabilität der Gesundheitsversorgung gewährleistet? Und wie werden demografische Herausforderungen bewältigt? Anleger sollten darauf achten, inwieweit eine Regierung in der Lage scheint, die sich zukünftig unweigerlich einstellenden Probleme anzugehen.

Für langfristige Investoren ist es sehr wichtig, sich vor ihren Investitionsentscheidungen sowohl mit den konkreten Folgen des Klimawandels als auch mit den wahrscheinlichen geopolitischen Reaktionen auseinanderzusetzen. Das Verständnis von ESG-Faktoren, einschließlich des Wissens um den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Geopolitik, trägt dazu bei, die Handlungsmöglichkeiten der Politik in den betroffenen Ländern genauer einschätzen zu können.

Schon immer sind Länderrisiken mit Unternehmensinvestitionen verbunden gewesen, doch in den kommenden Jahren müssen Anleger mit neuen Entwicklungen rechnen und aufpassen, dass Dürren, Zyklone und Überschwemmungen nicht die Grundlagen unterhöhlen, auf denen ihr Portfolio aufgebaut ist.

Die komplette Studie des Franklin Templeton Investment Institute lesen Sie hier (Englisch)

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