Sven Rambau
10.01.2022

Investmentstrategien Was sind Smart-Beta-ETFs?

Expo Real in München
Expo Real in München: Smart-Beta-ETFs sollen die Vorteile von Indexfonds und aktiv gemanagten Produkten kombinieren
© Imago Images / aal.photo

Mit der wachsenden Beliebtheit von Kapitalmarktanlagen nehmen auch die Investitionsmöglichkeiten zu. Bei vielen Anleger:innen gefragt sind börsengehandelte Indexfonds, sogenannte Exchange Traded Funds (ETFs). Und auch diese entwickeln sich immer weiter, Stichwort: Smart-Beta. Doch was hat es damit auf sich?

Grundsätzlich versuchen ETFs, die Wertentwicklung eines Wertpapierindex möglichst genau nachzubilden, also zum Beispiel vom MSCI World, dem S&P 500 oder dem Dax. Smart-Beta-ETFs hingegen verfolgen einen etwas anderen Ansatz: Hinter dem Begriff Smart-Beta oder auch „Factor Investing“ steht eine transparente, regel- und indexbasierte Anlagestrategie. Das Ziel: Langfristig höhere Renditen als mit herkömmlichen ETF-Strategien in die Kasse spülen, also stärker abschneiden als der Index.

Dazu orientieren sich Smart-Beta-ETFs bei der Titelauswahl zusätzlich an bestimmten Faktoren. Wir stellen euch die fünf bekanntesten vor.

5 bekannte Auswahlfaktoren bei Smart-Beta-ETFs

1. Value: Bei der Value-Strategie geht es darum, unterbewertete Aktien zu identifizieren. Der große Vorteil bei Smart-Beta-ETFs: Im Gegensatz zum Kauf von Einzelaktien müssen Investor:innen sich nicht selbst mit tiefgreifenden Analysen von Unternehmensbilanzen beschäftigen, um derartige Aktien zu finden. Anhand fundamentaler Kennzahlen wie dem Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV), dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und dem operativen Cashflow werden vielversprechende Titel automatisch in den ETF integriert.

Quelle Fondsdaten: FWW 2022

Nimmt man beispielsweise den rund 1.500 Titel umfassenden MSCI World als Grundlage, dann werden bei dieser Strategie diejenigen Aktien aus dem Mutteruniversum ausgewählt, die nach bestimmten Kennzahlen als unterbewertet gelten.

Unternehmen wie Apple, Amazon, Microsoft, Tesla oder Alphabet suchen Investor:innen im rund 960 Titel umfassenden MSCI World Value Index deshalb vergeblich. Die Top-Positionen besetzen stattdessen Intel, AT&T, Micron Technology und Toyota (Stand: 30. November 2021).

Wir haben euch zwei beispielhafte ETFs herausgesucht, die diese Anlagestrategie verfolgen.

2. Small-Caps: Bei Small-Caps handelt es sich um Unternehmen mit einer relativ geringen Marktkapitalisierung. Das Gegenteil davon sind Großunternehmen, die im Börsenjargon als „Large-Caps“ oder „Blue Chips“ bezeichnet werden. Während Large-Caps weitgehend bekannt sind, haben viele Marktteilnehmer:innen von zahlreichen Small-Caps nur wenig bis gar nichts gehört. Dabei können diese sehr interessant für Investor:innen sein, nicht zuletzt, da sich kleine Unternehmen flexibler als große Konzerne auf unvorhersehbare Ereignisse einstellen können. Dennoch sollten Anleger:innen auch die Risiken der kleinen Unternehmen wie eine größere Schwankungsbreite kennen.

Quelle Fondsdaten: FWW 2022

Wer in Small Caps investieren und das Risiko verringern möchte, der kann sich mit dem passenden ETF ein Bündel vielversprechender kleinerer Unternehmen ins Depot holen, um die Risiken breit zu streuen. Der Clou: Es gibt dabei nur sehr geringfügige Überschneidungen zu einem Weltaktienindex wie dem MSCI World.

Die Benchmark für die meisten Smart-Beta-ETFs, die sich auf kleinere Unternehmen konzentrieren, bildet der MSCI World Small Cap Index. Der umfasst rund 4.400 Unternehmen und repräsentiert etwa 14 Prozent des weltweit am Aktienmarkt investierten Kapitals.

Aus diesem Anlageuniversum filtern ETF-Anbieter mithilfe von Ausschlusskriterien noch einmal die „besten“ Titel heraus. Von den mehr als 4.400 Positionen finden so häufig 3.500 Unternehmen Eingang in die Smart-Beta-Varianten.

Wir haben euch zwei beispielhafte ETFs herausgesucht, die diese Anlagestrategie verfolgen.

3. Quality: Für diese Anlagestrategie werden Unternehmen gesucht, die bereits seit mehreren Jahren stabile Gewinne erwirtschaften, eine hohe Eigenkapitalquote aufweisen und gering verschuldet sind. Ihnen wird eine hohe Stabilität in Krisenzeiten zugetraut. Ebenso werden Firmen berücksichtigt, die ihr Kapital effizient nutzen, beispielsweise indem sie hohe Investitionen im Bereich Forschung und Entwicklung tätigen, um innovative Produkte auf den Markt zu bringen und damit in Zukunft höhere Umsätze zu erwirtschaften. Gerade diese Unternehmen werden häufig unterschätzt, da ihre Zahlen im Vergleich zu Firmen mit einer Kostensenkungsstrategie auf den ersten Blick schlechter aussehen.

Quelle Fondsdaten: FWW 2022

Unternehmen, die diese Kriterien erfüllen, werden im MSCI World Quality Index stärker gewichtet. Die Auswahl führt dazu, dass sich im Index lediglich knapp 300 Unternehmen befinden – im MSCI World sind rund 1.500 Firmen vertreten.

Zu den Top-Positionen gehören – wie auch im Mutterindex – Alphabet, Apple und Microsoft. Allerdings sind diese stärker gewichtet als im MSCI World. Ein Beispiel: Während Microsoft im MSCI World knapp 4 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung ausmacht, kommt das Unternehmen im Quality-Index auf 6 Prozent. Blickt man auf die Wertentwicklung, scheint die Strategie aufzugehen. In den vergangenen fünf Jahren erzielte der Spezialindex eine durchschnittliche jährliche Rendite von 20 Prozent – der MSCI World kam dagegen nur auf 15 Prozent.

Wir haben euch zwei beispielhafte ETFs herausgesucht, die diese Anlagestrategie verfolgen.

4. Momentum: Diese Anlagestrategie setzt auf Aktien, die in der jüngeren Vergangenheit (zwölf Monate oder weniger) hohe Renditen erzielten. Die Annahme: Positive Entwicklungen von Aktienkursen in der jüngeren Vergangenheit (Momentum) lassen auf gute Wertentwicklungen in der nahen Zukunft schließen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Aktien mit fallenden Kursen sich weiter nach unten bewegen sollten. Diese Überlegung beruht auf wissenschaftlichen Studien von Narasimhan Jegadeesh und Sheridan Titman Anfang der 1990er-Jahre.

Quelle Fondsdaten: FWW 2022

Unternehmen, die diese Kriterien erfüllen, sind beispielsweise Tesla, Apple, Alphabet, ASML und JPMorgan Chase. Sie gehören – ähnlich wie beim MSCI World – zu den Top-Holdings des MSCI Momentum-Index. Allerdings sind sie hier stärker gewichtet. Ein Beispiel: Tesla kommt im MSCI World auf einen Anteil von 1,5 Prozent, während seine Gewichtung im Momentum-Index bei 6,7 Prozent liegt. Das liegt auch daran, dass der Spezialindex lediglich rund 350 Aktien umfasst.

Wir haben euch zwei beispielhafte ETFs herausgesucht, die diese Anlagestrategie einbeziehen.

5. Low Volatility: Bei ETFs mit dieser Strategie stehen Aktien im Fokus, die bei geringen Kursschwankungen (Volatilität) marktähnliche Renditen erzielt haben. Solche Unternehmen finden sich hauptsächlich in weniger konjunkturabhängigen Branchen. Das macht sich deutlich bemerkbar im kleinen MSCI World Low Volatility-Index mit nur 300 Aktien. Apple, Microsoft, Tesla und Co. sucht man vergeblich. Unter den Top-Positionen befinden sich stattdessen die Pharmaunternehmen Roche, Novo Nordisk und Johnson & Johnson. Höhere Renditen ließen sich mit der niedrigen Volatilität in den vergangenen Jahren allerdings nicht erzielen. Während der MSCI World innerhalb von fünf Jahren eine durchschnittliche jährliche Rendite von 15 Prozent erzielte, kommt der Low-Volatility-Index auf lediglich 10,5 Prozent – allerdings bei tatsächlich deutlich geringeren Schwankungen.

Quelle Fondsdaten: FWW 2022

Wir haben euch zwei beispielhafte ETFs herausgesucht, die diese Anlagestrategie verfolgen.

Beimischung fürs Portfolio

Smart-Beta-ETFs unterscheiden sich insofern von aktiv gemangten Fonds, dass es keinen „menschlichen Faktor“ gibt, der die Anlagestrategie beeinflussen kann. Stattdessen werden die Titel anhand fester Kriterien aus dem Mutteruniversum ausgewählt und gewichtet. Der Vorteil für Investor:innen ergibt sich daraus, dass sich mit Smart-Beta-Strategien die Chance bietet, besser als der breite Markt abzuschneiden. Gleichzeitig bergen sie natürlich auch die Gefahr, dass das Gegenteil eintritt. Um es mit den Worten von André Kostolany zu sagen: „An der Börse ist alles möglich. Auch das Gegenteil.“

Anleger:innen sollten sich zudem bewusst sein, dass ETFs auf Spezialindizes im Durchschnitt etwas teurer sind als herkömmliche ETFs. Während für Indexfonds auf den MSCI World beispielsweise durchschnittliche Gebühren von etwa 0,2 Prozent verlangt werden, liegen die Kosten für die Spezialindizes bei etwa 0,35 Prozent im Durchschnitt. Im Vergleich zu aktiv gemangten Fonds, deren Kosten laut dem Analysehaus Morningstar bei etwa 1,3 Prozent liegen, sind sie dennoch recht günstig.

Hinweis: Es handelt sich hierbei um keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung. Die Geldanlage am Kapitalmarkt ist mit Risiken verbunden. Aus Wertentwicklungen in der Vergangenheit lässt sich nicht auf künftige Wertentwicklungen schließen. Quelle Fondsdaten: FWW (2022). Bitte beachte die Hinweise unter: https://www.issgovernance.com/iss-fww-disclaimer/ (Haftungsausschluss). Für Inhalte und Richtigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen. Stand der Daten: 07. Januar 2022.

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