Windkraft-Fonds „Dieses Thema treibt aktuell die ganze Branche um“

Thomas Seibel: Der Geschäftsführer bei Recap, einem Asset Managers für Erneuerbare Energien aus dem schweizerischen Zug, setzt auf Big Data in der Windkraftbranche. | © re:cap global investors ag

Thomas Seibel: Der Geschäftsführer bei Recap, einem Asset Managers für Erneuerbare Energien aus dem schweizerischen Zug, setzt auf Big Data in der Windkraftbranche. Foto: re:cap global investors ag

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DAS INVESTMENT: Sie sprachen auf der Wind Energy Messe insbesondere über das Thema Predictive Maintenance. Gemeint ist damit, dass Sensoren in Maschinen und Anlagen Messwerte erfassen. Diese werden ausgewertet, um durch eine vorausschauende Wartung die Ausfallzeiten zu senken. Was bedeutet dieser Teil der sogenannten Industrie 4.0 für das Portfoliomanagement? Wie können Ihrer Meinung nach Algorithmen und Künstliche Intelligenz genutzt werden, um die Rendite von Windkraftanlagen zu steigern?

Thomas Seibel: Das Thema Predictive Maintenance treibt aktuell die ganze Windbranche um. Alle Hersteller und auch Betreiber möchten bei dem Thema Maintenance besser werden. Dies geht in zwei Richtungen. Einerseits geht es um Kostenoptimierung und andererseits darum, die Verfügbarkeiten der Windkraftanlagen zu erhöhen. Beides sind direkte Hebel, um die Wirtschaftlichkeit der Windprojekte zu verbessern. 

Ein konkretes Beispiel: Windenergieanlagen sind verstärkt mit Sensoren ausgestattet, die vielfältige Informationen übermitteln, etwa über Temperaturen oder den Verbrauch an Betriebsmitteln oder auch über die Vibrationen der Anlagen. Big-Data-Analysen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz können dann gezielt zur Mustererkennung genutzt werden. So lassen sich Rückschlüsse auf den Zustand einzelner Komponenten ableiten, die bei herkömmlichen Inspektionen gar nicht sichtbar sind. Der Zustand der Bauteile ist dadurch in Echtzeit prognostizierbar und Komponenten können ausgewechselt werden, bevor schwerer zu behebende Defekte auftreten. Digitalisierung ist damit ein wichtiges, effizienzsteigerndes Instrument.

Und welche energiepolitischen Entwicklungen und konkreten Regulierungen in Deutschland treiben die Branche aktuell um?

Seibel: Deutschland ist und bleibt ein wichtiger Windmarkt. Die Bundesrepublik ist mit insgesamt knapp über 56 Gigawatt installierter Leistung der drittgrößte Windmarkt der Welt. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz hat das Marktumfeld allerdings stark verändert und Investoren teilweise verunsichert. Die realisierbare Anfangsvergütung ist etwa durch die Ausschreibungsverfahren stark gesunken: Sie lag früher bei über 8 Cent pro Kilowattstunde. Der durchschnittliche Zuschlagswert sank in den Gebotsrunden 2017 aber teilweise unter 4 Cent. In den Ausschreibungen 2018 haben sich die Vergütungen zwar wieder nach oben entwickelt, der in der letzten Runde erreichte Durchschnitt von knapp über 6 Cent pro Kilowattstunde liegt jedoch immer noch deutlich unter dem Niveau, das man vor 2017 gewohnt war.

Noch ein Unsicherheitsfaktor war die plötzliche Dominanz von Bürgerenergieprojekten in den Ausschreibungsrunden. Dies lag an einer Sonderregelung: Anlagen von Bürgerenergieprojekten durften auch ohne vorherige Genehmigung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz an der Ausschreibung teilnehmen. Für Anlagen gewerblicher Betreiber galt dieser Vorteil nicht. Inzwischen hat die Politik gegengesteuert und die Ausnahmeregelung abgeschafft. Die Behörden waren auf die zusätzlichen Anträge allerdings nicht vorbereitet, weshalb Projektierer und Investoren sich jetzt auf einen Genehmigungsstau einstellen müssen.

Als Lösung für den aktuellen Genehmigungsstaus von Projekten plant die Bundesregierung mehr Windkraftanlagen? Wie bewerten Sie das aus Anlegersicht?

Seibel: Die Pläne der großen Koalition sollten in den kommenden Jahren aber eine interessante Projektpipeline für Investoren sichern. Für 2019 und 2020 sind Sonderausschreibungen im Onshore-Bereich von jeweils 2.000 Megawatt geplant. Ursprünglich sollten 2019 nur 2.800 Megawatt und 2020 nur 2.900 Megawatt ausgeschrieben werden. Die Regierung hat das ursprüngliche Ausbauziel also um 70 Prozent nach oben korrigiert. Auch Photovoltaik soll mit einer zusätzlichen Kapazität von ebenfalls 4.000 Megawatt gefördert werden.

Aus Investorensicht wäre es allerdings wünschenswert gewesen, wenn der Koalitionsvertrag auch konkrete jährliche Ausbauziele für die anderen regenerativen Energien wie etwa Offshore-Wind festgelegt hätte. Zudem fehlt ein konkreter Maßnahmenplan, um den Netzausbau voranzubringen und die Schwankungsanfälligkeit des Stromnetzes durch Wind- und Sonnenaufkommen in den Griff zu bekommen. Dafür braucht es vor allem ausgebaute Netze und Investitionen in Speichertechnologien.