Zinsängste am Anleihemarkt Fünf Lehren aus dem Jahr 1994

New York, 1994: Trader beobachten die Kursentwicklung | © Getty Images

New York, 1994: Trader beobachten die Kursentwicklung Foto: Getty Images

Adrian Hull, Anleiheexperte bei Kames Capital

Anleihekäufer vergessen zweifellos schnell. Das Jahr 1994 ist vielen jedoch in Erinnerung geblieben. Damals erhöhten die Notenbanken die Zinsen zum letzten Mal aggressiv und systematisch – mit dramatischen Folgen: Die Renditen zweijähriger US-Schatzanleihen verdoppelten sich auf über 7,5 Prozent und der US-Leitzins stieg von 3 auf 6 Prozent.

Aber auch einige andere Ereignisse aus dem Jahr 1994 sind heute noch spürbar:

• Die Gründung des Versandhandels Amazon hatte weitreichende Folgen. Inzwischen wird die Marktkapitalisierung des Online-Riesen mit 700 Milliarden US-Dollar beziffert. Der Konzern hat traditionelle Marktannahmen in zahlreichen Branchen umgewälzt und untergraben. Das wenig rentable Unternehmen hat große Marktanteile gewonnen und die Inflation abgeschwächt.

• Die US-Bank Lehman Brothers entstand, als das Unternehmen aus dem Shearson Lehman Hutton-Konzern ausgegliedert wurde. Im Jahr 2008 musste das hoch verschuldete Haus Insolvenz beantragen. Die Bilanzsumme in Höhe von 680 Milliarden US-Dollar zerbröckelte rasant und völlig ungeordnet.

• Das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA wurde im Jahr 1994 unterzeichnet. Auch wenn die Übereinkunft noch nicht vollständig ad acta gelegt wurde, brachte sie US-Präsident Donald Trump möglicherweise ins Weiße Haus. Trump ist es ein Dorn im Auge, dass etwa jedes fünfte US-Auto im Ausland hergestellt wird. Dank NAFTA hat sich jedoch das Handelsvolumen insgesamt vervierfacht, außerdem ist der Inflationsdruck in den USA dauerhaft nach oben begrenzt.

• Das US-Haushaltsdefizit betrug 1994 2,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Insgesamt standen – gemessen am Niveau von 2018 – US-Staatsanleihen im Wert von 4,6 Billionen US-Dollar aus. Heute hat die Fed allein im Rahmen ihres quantitativen Lockerungsprogramms Anleihen in nahezu dieser Höhe angehäuft. Die Summe der ausstehenden US-Schatzanleihen hat sich vervierfacht, während das BIP sich nur verdoppelt hat. Dadurch hat sich das Verhältnis zwischen Schulden und BIP auf 100 Prozent erhöht.

• Keines dieser Ereignisse kann vom dramatischen Ausverkauf an den Anleihemärkten 1994 ablenken. Ein Treasury-Index hätte unter dem Strich fast 3,5 Prozent eingebüßt, wobei die größten Verluste im ersten Quartal 1994 zu verzeichnen waren.

Einige Investoren befürchten zu Recht, dass die Anleihemärkte im steigenden Zinsumfeld wieder im Chaos versinken. Aus unserer Sicht ist eine Wiederholung der dramatischen Ereignisse aus dem Jahr 1994 jedoch eher unwahrscheinlich.