Arbeiter des Energieversorgers Enel im Moyopampa-Wasserkraftwerk in Peru. Dank seiner Investitionen in Remote-Steuerung konnte Enel den Betrieb fortsetzen, ohne Arbeitsplätze zu gefährden. | © Enel Foto: Enel

ESG-Analyse und Big Data

„Corona-Krise ist Feuerprobe für Nachhaltigkeit von Unternehmen“

Michelle Dunstan, Global Head – Responsible Investing bei Alliance Bernstein (AB)

Die Corona-Krise stellt die Unternehmen vor eine Vielzahl von Herausforderungen. Anleger, die Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungsaspekte (ESG-Faktoren) in ihr Research einbinden, können dadurch wichtige Einblicke in die Art und Weise gewinnen, wie die Unternehmen sich an die Situation anpassen – und wie sich dies auf das künftige Renditepotenzial auswirken könnte.

Durch die COVID-19-Krise hat die Durchführung einer ESG-Analyse für Anleger verstärkt an Bedeutung gewonnen. Der Schutz der öffentlichen Gesundheit ist ein wesentlicher Faktor für die Unternehmenspolitik geworden. Die Entscheidungen der Geschäftsführungen in Bezug auf zahlreiche ESG-Faktoren werden sich bei vielen Firmen auf die Gewinne auswirken. Anleger, die eine ESG-Analyse in die Researchprozesse für Wertpapiere einbinden, erhalten einen besseren Eindruck darüber, wie das Verhalten eines Unternehmens während der Pandemie sich auf die künftigen Erträge auswirkt.

Wer verantwortungsbewusst investieren möchte, der sollte sich aus zwei Gründen auf die Reaktionen der Firmen auf die Corona-Krise konzentrieren: Erstens ist es wichtig sicherzustellen, dass sich die Unternehmen als verantwortungsvolle Corporate Citizens erweisen. Zweitens müssen Anleger ein besseres Verständnis der Chancen und Gefahren gewinnen, die sich aus der Pandemie für das Geschäftsmodell ergeben.

ESG-Engagement auf dem Prüfstand

Welche Arten von ESG-Problemen haben sich für die Unternehmen durch das Coronavirus ergeben? Viele mussten in Bezug auf die Frage, wie man die Arbeitnehmer am besten schützt und gleichzeitig den Geschäftsbetrieb aufrecht erhält, harte Entscheidungen fällen. Die Maßnahmen reichten von einer Beurlaubung der Mitarbeiter bis hin zur Zahlung von Abfindungen und Entschädigungen oder der Bereitstellung anderer Arten von Unterstützung. Unternehmen, die ihr Personal ins Home-Office schickten, mussten zudem den Datenschutz und die Sicherheitsstandards gewährleisten.

Ein weiteres Thema war das Verhalten und die Vergütung der leitenden Angestellten. Zeigten sich die Unternehmensleitungen gewillt, in einer Zeit, in der die Gewinne durch den Nachfrageschock erheblich unter Druck gerieten, eine entsprechende Kürzung ihrer Vergütung zu akzeptieren? Wie sah es bei den Dividenden und der Rückkaufpolitik aus, insbesondere bei Firmen, die staatliche Unterstützung erhielten? Und werden die Firmen auch nach der Überwindung der aktuellen Schwierigkeiten bereit sein, während einer Rezession oder einer Phase erhöhter Unsicherheit im Hinblick auf das Geschäftsumfeld in Projekte zu investieren, die die Emissionen reduzieren oder die Auswirkungen des Klimawandels verringern sollen?

Wer es richtig gemacht hat

Oft haben Unternehmen, die bereits starke ESG-Praktiken verinnerlicht haben, die Krise gut gemeistert. Vielleicht weil das ESG-Bewusstsein oft ein Zeichen dafür ist, dass ein Unternehmen vorausschauend agiert und sich strategisch bereits damit auseinandergesetzt hat, wie der Geschäftsbetrieb unter verschiedenen Szenarien weitergeführt werden könnte. Dies kann von Vorteil sein, wenn es darum geht, Technik und Betriebstätigkeit kurzfristig den Anforderungen der Fernarbeit anzupassen und gleichzeitig den Mitarbeitern und der Gemeinschaft die benötigte Unterstützung zu bieten sowie den Kunden weiterhin Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen.

Ein positives Beispiel ist Williams-Sonoma, ein US-amerikanischer Hersteller von Küchenartikeln und Haushaltswaren. Auch nach der Schließung seiner Einzelhandelsfilialen zahlte das Unternehmen seinen Angestellten weiterhin Gehälter und Zusatzleistungen und setzte sogar einen Teil der Filialmitarbeiter bei der virtuellen Kundenberatung ein. Die Geschäftsleitung zeigte sich auch dem Personal in den Vertriebszentren gegenüber verantwortungsvoll, indem es zusätzliche Maßnahmen zum Gesundheitsschutz einführte und Lohnzulagen zahlte. So ist es Williams-Sonoma gelungen, der steigenden Nachfrage aus dem Online-Handel nachzukommen, seine Mitarbeiter weiterhin zu beschäftigen und treue Kunden im Zuge der Lockerungen zurück in die Geschäfte zu locken.

Im Bereich der Versorgungsunternehmen war der italienische Energiekonzern Enel dank seiner aktiven Planung des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft hervorragend auf die Krise vorbereitet. Das Unternehmen hat in erneuerbare Energie investiert und gleichzeitig seine Infrastruktur, Werkzeuge und Prozesse einer Welt im Wandel angepasst. Dazu zählte der Aufbau ausgeklügelter Netzmanagement- und IT-Systeme, der der Tatsache Rechnung tragen sollte, dass die künftige Energieerzeugung durch Solar- und Windenergie an kleinen und weit auseinanderliegenden Standorten erfolgt. Da die Energie aus erneuerbaren Ressourcen nicht unterbrochen gewonnen werden kann, hat das Unternehmen eine Infrastruktur entwickelt, die eine Messung und Verwaltung der Nachfrage in Echtzeit ermöglicht. Das Resultat: Heute kann Enel einen Großteil seiner Übertragungs- und Verteilungsaktivitäten remote steuern, ohne Tausende von „systemrelevanten“ Arbeitnehmern durch den manuellen Betrieb des Netzes, das Ablesen von Zählern vor Ort oder direkten Kundenkontakt einem Gesundheitsrisiko aussetzen zu müssen. Zudem ist Enel dank seiner Monitoringsysteme in der Lage, Kunden zu identifizieren, die Probleme bei der Zahlung ihrer Rechnungen haben, und proaktiv auf diese Kunden zuzugehen, um ihnen Unterstützung anzubieten.

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