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Klimawandel-Investments „Trotz schwammiger Begrifflichkeiten hat der ESG-Trend im Finanzsektor für einen wahren Goldrausch gesorgt“

Satya Nadella, CEO von Microsoft, einem oft in ESG-Fonds vertretenen Software-Giganten
Satya Nadella, CEO von Microsoft, einem oft in ESG-Fonds vertretenen Software-Giganten: „Viele der Positionen von Fonds mit ESG-Siegel unterscheiden sich eigentlich nicht von denen herkömmlicher Fonds“, sagt Yu Meng, Vice President und Chair of Asia Pacific bei Franklin Templeton. | Foto: Imago Images / IP3press
Yu (Ben) Meng, Franklin Templeton

Herr Meng, der starke Trend zur Nachhaltigkeit im Finanzmarkt hat Ihrer Meinung nach auch eine Schattenseite. Worüber machen Sie sich Sorgen?

Yu Meng: Beim Erreichen der globalen Ziele der Vereinten Nationen – den Klimawandel bekämpfen, die Armut ausrotten, den Hunger beenden, Arbeit und Bildung fördern, die Gleichstellung der Geschlechter gewährleisten und die natürliche Umwelt schützen – nimmt der Finanzsektor eine zentrale Rolle ein.

Zweifelsfrei stehen die Kapitalmärkte an einem Wendepunkt, der rasche, stark transformative und oft disruptive Änderungen mit sich bringt. Doch das schiere Ausmaß der Klimawandelthemen stellt die herkömmliche Analyseparameter von Risiko und Ertrag auf die Probe. Das macht mir Sorge.

Viele Anleger wollen den Wandel für sich nutzen, Sie aber rufen zur Vorsicht.

Meng: Es gilt, einen Gegensatz zu überbrücken: Der zwischen der Finanzierungsnachfrage zur Bewältigung des Klimawandels und den aktuellen Engpässen beim Angebot nachhaltiger Investments zu vernünftigen Preisen auf den Märkten.

Und es gibt weitere Schwachstellen: Etwa die immer noch unzureichende oder sogar fehlende Offenlegung von ESG-Daten. Außerdem werden rund um die Welt weiterhin fehlgerichtete Investitionsanreize gesetzt, worunter Subventionen für fossile Brennstoffe, aber auch die vielerorts fehlende CO2-Bepreisung fallen.

Diese Missstände stehen aber offenkundig nur teilweise dem Trend entgegen, viel Geld in nachhaltige Finanzprodukte zu investieren?

Meng: In der Tat. Trotz schwammiger Begrifflichkeiten hat der ESG-Trend im Finanzsektor für einen wahren Goldrausch gesorgt. Laut Morningstar investierten die Anleger alleine im vierten Quartal 2020 152 Milliarden US-Dollar in Investments mit ESG-Siegel. Ein Anstieg um 88 Prozent zum Vorquartal.

Große Teile der Vermögensverwaltungsbranche wenden sich mittlerweile mit ESG-Referenzen an die Öffentlichkeit. Das wirft jedoch die Frage auf, ob die Behauptungen des Marketings stets vollumfänglich glaubwürdig sind. Eine unlängst veröffentlichte Barclays-Studie kommt zu dem Schluss, dass sich viele der Positionen in Fonds mit ESG-Siegel eigentlich nicht von denen herkömmlicher Fonds unterscheiden. Der Fall ist klar: ESG leidet unter der ostentativen Zurschaustellung von Tugendhaftigkeit, dem sogenannten „virtue signalling“, wie es im Englischen heißt.

Reagiert die Politik darauf?

Meng: Zunehmend, ja. So ist die derzeitige Situation der US-Wertpapieraufsicht (US Securities and Exchange Commission, SEC) ein Dorn im Auge. Sie gab den Warnschuss ab: „Finanzunternehmen, die behaupten, ESG-Investments zu tätigen, müssen den Anlegern erklären, was sie konkret unter ESG verstehen, und sie müssen das in die Wege leiten, was sie angeben zu tun.“ Anleger sollen damit in die Lage versetzt werden, „zu wissen, was sie bekommen, wenn sie sich für bestimmte Fonds, Berater, Strategien oder Produkte entscheiden“.

Dieser Warnschuss des US-Regulierers im Verbund mit vielen anderen entsprechenden weltweiten Initiativen sorgt für neue Impulse: Während die SEC nachjustierte Standards für die ESG-Berichterstattung der Unternehmen entwickelt, orientieren diese sich dabei zunehmend an den neuen IFRS-Standards (International Financial Reporting Standards) des International Sustainability Standards Board.

Also ist die Finanzbranche letztlich auf einem guten Weg?

Meng: Tempo und Umfang des Wandels hin zu einer nachhaltigeren Welt nehmen rasant zu. Schauen Sie sich den Automarkt an, auf dem sich der Elektrofahrzeughersteller Tesla einen Vorsprung verschafft und die ganze Branche zum Handeln veranlasst hat. Solche Wendepunkte stellen für die einen Unternehmen häufig existenzielle Risiken, für die anderen wiederum große Chancen dar. Mit Blick auf den Klimawandel kommen die Warnsignale von der Wissenschaft, der Zivilgesellschaft, den Regierungen und mittlerweile sogar von der Legislative. Die Finanzmärkte haben rasch reagiert, doch die Effizienz ihres Einsatzes für eine nachhaltigere Welt wird weiterhin durch Undurchsichtigkeiten bei der Unternehmensberichterstattung gemindert.

Dabei sind Datenstandardisierung und Kennzahlen zur Lenkung der Investitionsanreize die beiden wichtigsten Faktoren im Kampf gegen den Klimawandel. Der Finanzmarkt ist hoch motiviert und – größtenteils – effizient, aber die Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot bei ESG-Strategien ist eklatant.

Und die Zeit drängt…

Meng: Die Frage ist: Wie viele weitere Klimaschulden möchten wir den kommenden Generationen neben den erdrückenden Finanzschulden hinterlassen? In den riesigen Waldbränden in den USA, tropischen Hitzewellen in gemäßigten Regionen und verheerenden Fluten in Europa, Japan und China scheinen die fatalen Auswirkungen des Klimawandels bereits durch.

Lässt sich die Entwicklung noch aufhalten?

Meng: Wir sollten es mutig versuchen. Vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse und des sich ändernden regulatorischen Umfelds bündeln private und institutionelle Investoren ihre Kräfte, um sowohl weitreichende regulatorische Maßnahmen in Bezug auf die Unternehmensberichterstattung als auch eine umfassendere CO2-Bepreisung zu fordern. Anleger nehmen Einfluss auf die Unternehmen, in die sie investieren.

Wie geschieht das? Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Meng: Ein Beispiel ist die Initiative „Climate Action 100+“. Investoren mit insgesamt mehr als 60 Billionen US-Dollar an verwaltetem Vermögen haben sich darin zusammengeschlossen. Sie nehmen gezielt auf CO2-Emittenten Einfluss. Sie verlangen von Unternehmensvorständen, ihre Klimakompetenz nachzuweisen und sicherzustellen, dass interne Anreize – darunter die Führungskräftevergütung und Richtlinien für politischen Lobbyismus – mit den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens im Einklang stehen, um einen gerechten Wandel herbeizuführen, der Härten gegenüber Arbeitnehmern und anderen Stakeholdern in der Gesellschaft vermeidet.

Zeigen die Appelle Wirkung?

Meng: Auf die Nachfrage der Anleger nach der Einbeziehung von klimabezogenen Risiken und Chancen in die Unternehmensberichterstattung reagieren die Gremien für Rechnungslegungsstandards weltweit. SEC und IFRS sind sich bewusst, dass die Unternehmensberichterstattung wahrheitsgemäß, transparent und vergleichbar sein muss. Sie entwickeln nun entsprechende Berichtsstandards, wobei gleichzeitig die Prüfmechanismen verstärkt werden. So soll die Fähigkeit der Finanzmärkte gestärkt werden, das Risiko zu bepreisen, Kapital gezielt zu lenken und insgesamt verantwortlicher zu handeln.

Anleger haben demnach in der Masse wirklich etwas zu sagen?

Meng: Eine große Zahl kleiner Einzelanleger und eine kleine Zahl großer Kapitalgesellschaften, die mit Entschiedenheit ihre Aktionärsrechte wahrnehmen, sind in der Lage, gemeinschaftlich Einfluss zu nehmen. Im Verbund mit den nationalen und globalen Maßnahmen der Politik lässt sich der Wandel beschleunigen.

Ihr Ausblick: Wie geht es in Zukunft weiter?

Meng: Sowohl das Klimarisiko als auch die anhaltende Pandemie stellen ein systematisches Risiko für die Menschheit dar. Sie haben eines gemeinsam: Ländergrenzen spielen für sie keine Rolle und besonnene Zusammenarbeit im globalen Maßstab ist erforderlich. Dass es der Menschheit gelungen ist, alle Ressourcen zu mobilisieren, um sich der Herausforderung zu stellen und wirksame Impfstoffe in derart kurzer Zeit zu entwickeln sowie Milliarden von Menschen zu impfen, ist schlichtweg außergewöhnlich.

Das gibt Grund zur Hoffnung, auch die dringende globale Herausforderung des Klimawandels mit grenzüberschreitenden und sektorübergreifenden Partnerschaften wirksam anzugehen. Mit der Verbesserung des Datenangebots, der Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe und der Einführung der CO2-Bepreisung ist die Umstellung auf eine emissionsarme Wirtschaft auf einem guten Weg. Die Welt und jeder einzelne sollte sich den Aufgaben des Klimawandels so stellen, wie wir die Covid-19-Krise bewältigt haben.

Wichtige rechtliche Hinweise:

Diese Unterlage soll ausschließlich allgemeinem Interesse dienen und ist nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf, Verkauf oder Halten eines Wertpapiers oder zur Übernahme einer Anlagestrategie zu verstehen. Sie stellt auch keine Rechts- oder Steuerberatung dar.

Die in diesem Dokument enthaltenen Meinungen, Aussagen und Analysen geben die aktuelle Einschätzung zum Erscheinungsdatum (oder in einigen Fällen zu einem bestimmten Datum) wieder und können sich jederzeit ohne Vorankündigung ändern. Die vorliegenden Informationen stellen keine vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region oder einen Markt dar.

Hinweis: Diese News ist eine Mitteilung des Unternehmens und wurde redaktionell nur leicht bearbeitet.
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