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Gondeln für Windkraftanlagen eines deutschen Herstellers Foto: imago images / Michael Matthey

Klimafreundlicher Strom

Welche Branchen vom Megatrend Wasserstoff profitieren

Als der Zeppelin LZ 129 „Hindenburg“ am 6. Mai 1937 bei der Landung in Lakehurst im US-Staat New Jersey in Flammen aufging, kamen 35 der 97 Menschen an Bord ums Leben. Der 245 Meter lange Zeppelin war mit 200.000 Kubikmetern Wasserstoff gefüllt. Beim Landemanöver ging das hochentzündliche Gas in Flammen auf, die Unglücksursache ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die zuvor weit verbreiteten Giganten der Lüfte verschwanden vom Himmel, und mit ihnen verschwand auch der Wasserstoff aus der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit.

Gut 80 Jahre später erlebt Wasserstoff nun eine Wiederentdeckung. Das Gas hat das Potenzial, einen neuen technologischen Megatrend zu befeuern: Es könnte nämlich eines der größten Probleme der Energiewende lösen. In der Natur kommt Wasserstoff nur in gebundener Form vor, ist Bestandteil von Wasser und nahezu sämtlichen organischen Verbindungen. Es lässt sich also nicht wie fossiles Gas in Reinform aus der Erde fördern und in Energie umwandeln. Aber man kann Wasserstoff mit Hilfe von Strom künstlich herstellen – und dann bei Bedarf sauber und abgasfrei verbrennen, wodurch die enthaltene Energie freigesetzt wird.

Stammt der Strom aus regenerativen Energien, funktioniert der Prozess der Energiegewinnung praktisch klimaneutral. Im Gegensatz zu Strom lässt sich Wasserstoff nämlich problemlos und verlustfrei in großen Mengen speichern. Wasserstoff ist also keine neue Primärenergie, sondern vor allem ein Speichermedium. Das Gas könnte insofern die ideale Ergänzung zu erneuerbaren Energien werden – und bei der Umstellung auf regenerative Stromquellen dafür sorgen, dass Privathaushalte, der Mobilitätssektor und die Industrie auch dann genügend Energie bekommen, wenn gerade weder die Sonne scheint noch der Wind weht.

Großes Wachstumspotenzial

Dazu ist jedoch eine entsprechende Infrastruktur nötig. Sie zu errichten ist eines der Ziele, die die EU-Kommission vor wenigen Wochen mit ihrer Wasserstoffstrategie für ein klimaneutrales Europa vorgestellt hat: Wasserstoff soll in Europa im großen Stil als Speichermedium für Strom aus erneuerbaren Energien nutzbar werden und so auch für jene Bereiche klimaneutrale Energie bereitstellen, für die sich Strom nicht sonderlich gut eignet. Dazu zählen im Mobilitätssektor beispielsweise der Schwerlast- und Langstreckenverkehr sowie Schiffe, außerdem die Wärmeversorgung von Haushalten sowie Anwendungen innerhalb der Industrie. Zusammengenommen ein immens großer Sektor, der völlig neu zu erschließen ist: Bis zum Jahr 2050 soll Wasserstoff den EU-Plänen zufolge rund 14 Prozent an der gesamten europäischen Energieversorgung ausmachen.

Die EU will mit ihrer Strategie die Rahmenbedingungen schaffen, um die Infrastruktur für die Produktion und den Transport von Wasserstoff aufzubauen. Ab dem Jahr 2030 sollen die Kapazitäten dann kontinuierlich steigen. Will die EU ihre Ziele erreichen, müsste der europäische Wasserstoffmarkt in den zwanzig Jahren bis 2050 um acht Prozent jährlich wachsen. Mitte des Jahrhunderts könnte dann ein Viertel der erneuerbaren Energie in Europa in die Erzeugung von klimaneutralem Wasserstoff fließen.

Die Regierungen von Ländern wie Spanien, Deutschland und Italien haben bereits begonnen, Wasserstoff in ihre strategischen Planungen zur Energiewende aufzunehmen. Die neue Hinwendung zu dem im Universum am weitesten verbreiteten chemischen Element ist dabei nicht rein europäisch geprägt – die Konturen eines riesigen Weltmarkts beginnen sich abzuzeichnen. Immer mehr Unternehmen in den USA und in anderen Ländern der Erde treten dem „Hydrogen Council“ bei, einer globalen Initiative zur Unterstützung der Wasserstoffentwicklung. Im Jahr 2017 von 13 Unternehmen gegründet, sind hier heute bereits 92 Mitglieder aktiv.

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