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„Geschäftsmodell auf dem Prüfstand“

Kursstürze der Cash-Life-Aktie, Schließung von Tochtergesellschaften, Ärger bei der Policenverwaltung, Übernahme durch den Finanzinvestor Augur – der Zweitmarktanbieter Cash-Life hat ein stürmisches Jahr hinter sich. Wie es mit dem Policenhändler jetzt weitergehen soll, fragte DAS INVESTMENT.com Cash-Life-Vorstandschef Frank Alexander de Boer.

DAS INVESTMENT.com:  Wie weit sind Sie mit der Umstrukturierung?

Frank Alexander de Boer: Wir kommen schneller voran als erwartet. Wir haben den Handelsbestand zügig abgebaut, von fast 400 Millionen Euro am Jahresanfang auf etwas über 100 Millionen Euro. Dadurch haben wir das Risiko maßgeblich reduziert.

Anfang des Jahres hatten wir uns außerdem das Ziel gesetzt, ungefähr ein Drittel der Belegschaft abzubauen und die Kosten auf 18 Millionen Euro zu reduzieren. Da sind wir schon weiter: Momentan haben wir einen Personalstand von ungefähr 45 Personen, Ende 2007 waren es 135. Die Kostenbasis, mit der wir in das Jahr 2009 starten, wird bei rund 8 Millionen Euro liegen. Das sind knapp 20 Millionen Euro weniger als im Dezember 2007.

Wichtig ist, dass wir damit in der Lage sind unsere Kernaufgaben, also den An- und Verkauf von Policen und die Bestandsverwaltung, weiter aufrechtzuerhalten, und unseren Kunden deutliche Verbesserungen in Servicequalität und Geschwindigkeit zu bieten. Wir könnten heute allerdings nicht mehr Policen in dem Umfang kaufen wie noch vor einem Jahr. Das ist aus unserer Sicht kein Nachteil, weil dies der Markt auch gar nicht hergeben würde.

DAS INVESTMENT.com: Der deutsche Zweitmarkt als Turbo-Wachstumsbranche war also mehr Wunsch als Wirklichkeit?

de Boer: Diese Vermutung kam mir kurz nach meinem Einstieg bei Cash-Life im Januar. Das Ankaufsvolumen im Zweitmarkt lag 2007 bei 1,4 Milliarden Euro. Die Branche ging davon aus, dass der Markt pro Jahr um etwa 10 Prozent wachsen kann. Da war ich anderer Meinung: Ich denke, in diesem Jahr wird das Volumen nur noch bei maximal einem Drittel des Volumens von 2007 liegen. Und 2009 werden wir, wenn sich die Marktverhältnisse nicht dramatisch ändern, ein Ankaufsvolumen von vielleicht 100 bis 150 Millionen sehen, sprich 10 Prozent des Volumens von 2007.

DAS INVESTMENT.com: Woran liegt der Rückgang des Zweitmarktvolumens?

de Boer: Abgesehen von der Verschlechterung der Bedingungen durch die Finanzkrise, ist das aktuelle Verwertungssystem für gebrauchte Lebensversicherungen einfach zu teuer im Vergleich mit der langfristig zu erwartenden Marge zwischen Policenrendite und Refinanzierungskosten oder alternative Anlagemöglichkeiten. In der Vergangenheit konnten wir mit dem akquirierten Policenvolumen eine Überrendite von rund 100 Basispunkten realisieren. Davon muss die gesamte Ankaufmaschinerie bezahlt werden, etwa das Herausfiltern von Policen, die wir haben möchten. Zum Teil kommen Kick-Back-Zahlungen an Makler dazu, da wird es für den Handelsbestand bezogen auf die Rendite schon eng. Wenn wir die Policen weiterverkaufen, wollen wir darüber hinaus natürlich eine Marge auf den Verkauf realisieren. Und der Kunde, der sie von uns erwirbt, möchte auch Gewinn machen, denn schließlich muss er auch das Servicing bezahlen. So stellt sich die Frage, ob 100 oder gar 200 Basispunkte auf Dauer ausreichen, um diese Wertschöpfungskette bedienen zu können.

DAS INVESTMENT.com: Steht Ihr Geschäftsmodell also auf dem Prüfstand?

de Boer: Im Grunde ja. Natürlich wird es immer Zinsperioden geben, in denen man einen größeren Spread bei der Finanzierung erzielen kann. Die Zinssenkungsphase, in der wir uns jetzt gerade befinden, ist diesbezüglich hilfreich. Auf der anderen Seite zeichnet sich ab, dass die Überschussbeteiligungen der Versicherer tendenziell weiter sinken werden. Man sollte die Wirtschaftlichkeit des Geschäftsmodells also über einen kompletten Zinszyklus bewerten und auch Phasen mit einkalkulieren, in denen die Zinsen schneller steigen als die Überschussbeteiligungen. Außerdem ist die Zahl der Neuabschlüsse bei den Kapitallebensversicherungen geringer, als die Summe der ablaufenden und stornierten Verträge. Es gibt einfach nicht mehr so viele attraktive Policen. Meine feste Überzeugung ist es deshalb, dass wir das Zweitmarktvolumen aus der Vergangenheit in Zukunft nicht mehr  sehen werden. Die Systemkosten müssen drastisch sinken, das wird auch Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Wertschöpfungskette haben.

DAS INVESTMENT.com: Was passiert mit den abgestoßenen Policen die Sie nicht weiterverkaufen können?

de Boer: Für sie bleibt in der Regel nur die Stornierung. Da wir beim Ankauf in der Regel mehr als den Rückkaufswert bezahlen, machen wir dabei Verluste.  

DAS INVESTMENT.com: Um welche Größenordnung handelt es sich dabei?

de Boer: Anfang 2008 lag unser Bestand bei 450 Millionen Euro, wir werden das Jahr mit rund 130 Millionen Euro beenden. Knapp 200 Millionen konnten wir verkauft, beim Rest blieb nur der Storno.

DAS INVESTMENT.com: Ist das Geschäft mit institutionellen Großabnehmern aussichtsreicher?

de Boer: Aus Investorensicht gibt es für eine reine Zinsarbitrage effizientere Instrumente als den physischen Besitz von Policen. Deswegen muss die Rendite eines Policenportfolios gegenüber Anlagealternativen stimmen. Wie bereits gesagt, ist der Volumen ankaufbarer Policen beschränkt, bindet viel Kapazität bis man die geeigneten Policen identifiziert und angekauft hat. Für institutionelle Investoren gilt, dass sie ab etwa 25 Millionen Euro einsteigen. Vom Managementaufwand her sind ihnen 100 oder 150 Millionen Euro lieber. Für den Vertragswert von 50 Millionen Euro können Sie bei den jetzigen Renditeanforderungen durchaus zwölf Monate Suchzeit veranschlagen. Ich stehe damit vor dem Problem, dass ich ein ganzes Jahr gesammelt habe, mir alles auf einmal abgekauft wird und ich dann wieder sammeln gehen kann. Da fehlt die Dynamik. Zusätzlich gehe ich dabei ja in Vorkasse: Wenn es zwischenzeitlich zu einer Zinssteigerung kommt, könnten die Absatzchancen abnehmen, dann habe ich nur Kosten gehabt und nichts verdient. Dieses Thema werden wir mit unserem Hauptaktionär Augur intensiv besprechen.

DAS INVESTMENT.com: Was wäre ein Wachstumsfeld?

de Boer: Eine mögliche Option ist das Policendarlehen, wo wir im Zweitmarkt jetzt schon Marktführer sind.  Das wird natürlich in Zeiten wie diesen wesentlich interessanter. Denn gerade in der Rezessionsphase brauchen viele Menschen Liquidität. Aus meiner Sicht wird Cash-Life auch in Zukunft stark im Zweitmarkt verwurzelt sein, die einstige Unternehmensgröße werden wir aber wohl nicht mehr erreichen. Trotzdem sind wir gegenüber unseren Wettbewerbern gut aufgestellt. Wir sind stark kapitalisiert und verwalten mit 2 Milliarden Policen etwa doppelt so viele Verträge wie der nächst größte Zweitmarktanbieter am Markt.

DAS INVESTMENT.com: Das Emissionshaus König & Cie. wird nach den Fonds Deutsche Leben 1 und 2 jetzt auch das dritte und letzte Beteiligungsangebot dieser Reihe abwickeln. Sie hatten diese Fonds mit Policen bestückt und das Servicing übernommen. Werden Sie sich mit König & Cie. einigen können?

de Boer: Beim Deutsche Leben 1 und 2 haben wir uns bereits gütlich geeinigt. Wir glauben, dass wir auch in diesem Fall unsere Seite des Vertrags in jedem Punkt erfüllen. Also denke ich, dass wir beim Deutsche Leben 3 eine Lösung finden werden.

DAS INVESTMENT.com: Bei Cash-Life sind Sie jetzt fast ein Jahr bei Dauer-Unwetter an Deck. Sinkt Ihre Hoffnung, mal wieder in ruhigeres Fahrwasser zu kommen?

de Boer: Sicherlich ist nicht nur für mich vieles anders gelaufen, als ich mir das vor einem Jahr vorgestellt hatte. Ich bin aber absolut kein Schönwettersegler, und bin der Überzeugung dass Herausforderungen uns stärken. Ich glaube, dass die unverzügliche Umsetzung der schmerzhaften Entscheidungen keinen Moment zu früh kam und uns genutzt hat. Wir haben vieles in diesem Jahr erreicht und schauen uns unsere weiteren Optionen jetzt genau an. Unser Investor Augur und das Team stehen geschlossen zusammen. Natürlich gibt es Problemfelder, die wir beseitigen müssen. Aber es zeigen sich wie gesagt auch Entwicklungschancen, was das Geschäftsfeld Policendarlehen angeht. Insgesamt gehen wir davon aus, dass wir im nächsten Jahr schwarze Zahlen schreiben werden.

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