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Von 1865 bis 2010 erlebte die Welt vier so genannte Rohstoff-Superzyklen, ergab eine Analyse der Ökonomen Bilge Erten und Jose Antonio Ocampo (Foto: Getty Images)

Von 1865 bis 2010 erlebte die Welt vier so genannte Rohstoff-Superzyklen, ergab eine Analyse der Ökonomen Bilge Erten und Jose Antonio Ocampo (Foto: Getty Images)

160 Jahre Zyklusbeobachtung

Rohstoffabsturz steht an

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Bergbaugesellschaften, Agrarkonzerne und Bohrfirmen, die während ihrer Hausse 2011 Rohmaterialien im Wert von fast 8 Milliarden Dollar (knapp 7,1 Milliarden Euro) geliefert hatten, durchleiden bereits den längsten Preiseinbruch seit Jahrzehnten -- doch der Tiefpunkt könnte noch bis zu 24 Monate lang auf sich warten lassen, warnt Wirtschaftsprofessor David Jacks von der Simon Fraser University in Kanada, der die Preisdaten von Gold, Baumwolle, Öl, Kupfer und anderen Rohstoffen in den letzten 160 Jahre unter die Lupe genommen hat. Außerdem dürfte es seiner Einschätzung nach noch bis in die 2020er Jahre dauern, bis eine nachhaltige Rally einsetzt. "Wir haben etwa 75 bis 80 Prozent des Weges hinter uns, was den Rückgang von den absoluten Preisspitzen aus angeht", erklärt Jacks telefonisch aus Burnaby in British Columbia. "Die Talsohle wird kein verkürztes Ereignis sein. Es wird danach jahrelang seitwärts gehen." Der Einbruch verschärfte sich mit der Konjunkturverlangsamung in China, dem führenden Verbraucher von Getreide, Energie und Metallen, auf die niedrigste Wachstumsrate seit zwei Jahrzehnten. Gleichzeitig nimmt das Angebot an einigen Märkten immer weiter zu, da die Produzenten -- ermutigt von den einstigen Rekordpreisen -- ihre Erzeugung hochgefahren hatten. Rohmaterialien dürften sich in dem vierten Jahr eines zwanzigjährigen "Bären-Superzyklus" befinden laut Ned Davis Research Group, die Rohstoff-Abschwünge seit dem 18. Jahrhundert studiert hat. Fünfter Jahresverlust in Folge Jack steht mit seinem Ausblick nicht allein dar. Fondsmanager, Wissenschaftler und Banken, darunter Goldman Sachs Group Inc. und Morgan Stanley, sagen für die Investoren eine lange Wartezeit voraus. Der Bloomberg Commodity Index ist im bisherigen Jahresverlauf um etwa 15 Prozent gefallen und markierte im August ein 16-Jahrestief. Der aus 22 Komponenten bestehende Indikator läuft damit auf den fünften Jahresverlust in Folge zu, was die längste Abwärtsserie seit Beginn der Datenreihe im Jahr 1991 wäre. "Wir werden uns noch viel länger am Boden dahinschleppen", sagt Viral Patel, Research-Leiter Australien bei T. Rowe Price Inc. Es werde mindestens drei Jahre dauern, bis die ersten Rohstoffe wieder zu einer Erholung ansetzen, wobei Nickel und Kupfer am ehesten von Chinas Übergang zu einem vom Konsum getriebenen Wachstum profitieren dürften, fügt er an. Kupferdrähte werden in Autos und Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen und Kühlschränken benutzt. Von 1865 bis 2010 erlebte die Welt vier so genannte Rohstoff-Superzyklen, ergab eine Analyse der Ökonomen Bilge Erten und Jose Antonio Ocampo von 2012 im Auftrag der Abteilung Wirtschaft und Soziales der Vereinten Nationen (DESA). Demnach wurde vor dem aktuellen Zyklus der vorige Hochpunkt im Jahr 1973 verzeichnet, auf den ein 26 Jahre währender Rückgang der Rohstoffpreise folgte -- allerdings ohne Öl. Seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert fielen die Preisabschwünge generell betrachtet etwa 50 Prozent länger aus als die Aufschwünge, merkt Jacks von Simon Fraser an, der die historischen Preisänderungen von 30 Gütern analysierte. Rohmaterialien wurden zu Beginn der jüngsten Rohstoffhausse um 1999 zu einem Liebling der Anleger, während Chinas Wachstum die Wirtschaft bis 2009 zur zweitgrößten der Welt werden ließ. Der Bloomberg Commodity Index hatte sich in den sechs Jahren bis Ende 2007 mehr als verdoppelt, bevor die globale Rezession einsetzte. Das Ausmaß der Transformation in China Der gegenwärtige Zyklus ist Jacks zufolge aufgrund der schnellen Urbanisierung in China ungewöhnlich. Vorher hatten die industriellen Booms in Großbritannien und den Vereinigten Staaten jeweils zwischen 50 und 100 Jahren gedauert, ebenso wie auch der Wiederaufbau Westeuropas und Japans nach dem Zweiten Weltkrieg. Es zeichne sich perspektivisch keine neue Quelle für ein Nachfragewachstum vergleichbar mit China ab, erklärt Jack, der im März 2013 eine Studie der Auf- und Abschwünge seit 1850 veröffentlichte. "Das Ausmaß der Transformation in China, die wir erlebt haben, ist historisch betrachtet beispiellos", so Jacks. "Sie haben im Laufe der letzten 20 Jahre mehr als300 Millionen Menschenin die Städte gebracht. So etwas hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben." Die Produzenten, die der dramatische Nachfrageboom in China unvorbereitet getroffen hatte, stehen nun auch vor der Unsicherheit über das Tempo der Konjunkturabkühlung im Lande, merkte Jim Gowans an, der Barrick Gold Corp. berät und seit etwa 40 Jahren in der Bergbaubranche tätig ist. "Früher konnte man vorhersagen, dass es sich um einen vier- oder fünfjährigen Zyklus handelt würde", erklärte Gowans am 1. Oktober vor Journalisten in Melbourne und berief sich auf jahrzehntelange Beobachtung der Metallmärkte wie Kupfer, Nickel und Gold. "Man wird jetzt eine viel höhere Volatilität sehen." Ohne eine neue Massenindustrialisierung anderswo zur Belebung der Nachfrage werden sich die Produzenten auf eine langsamere Gangart bis zum nächsten Boom einstellen müssen, die sich Jacks zufolge womöglich über Jahrzehnte erstrecken könnte. Die Preise werden nicht wirklich anziehen, bis das globale Wachstum die bestehenden Produktionskapazitäten übermannt, sagt er. "Wir brauchen einen nächsten Impulsgeber für die Nachfrage, der alle überrascht, so wie das bei China in den frühen 2000ern war, und es gibt derzeit einfach kein Land auf meinem Radar, das diese Kriterien erfüllen wird", erklärt Jacks. "Einige Konzerne arbeiten bei den Investments mit einem Zeithorizont von 40 bis 50 oder 60 Jahren. Das ist die Art von Perspektive, die man in der Bergbaubranche einnehmen muss."

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