Ralph Prudent ist Geschäftsführer von Ökoworld (Foto: Ökoworld)

Ralph Prudent ist Geschäftsführer von Ökoworld (Foto: Ökoworld)

Auch Industrieländer betroffen Wasserstress bedroht Wachstumsmärkte

Zugegeben, angesichts des eher verregneten Sommers in Europa mag es skurril klingen, dass die deutsche Wirtschaft von Wassermangel bedroht wird. Wasser gibt es hierzulande schließlich reichlich, und Wassermangel wird eher mit armen Ländern oder Schwellenländern in Verbindung gebracht.

Beides ist grundsätzlich richtig. Allerdings birgt Wassermangel insbesondere in den Schwellenländern inzwischen erhebliche Risiken für die Industrienationen. Nicht nur die privaten Verbraucher kaufen importierte Produkte, auch Unternehmen stützen sich auf importierte Rohstoffe beziehungsweise auf eine Vielzahl von höherwertigen Zwischenprodukten und sektoralen Handelsgütern für ihre Wertschöpfung in Chemie, Pharma, Maschinenbau oder Elektronik, die aus Ländern kommen, die unter Wasserstress leiden.

Wasser ist für Unternehmen damit kein künftiges Risiko, sondern ein reales Problem der Gegenwart. Sauberes Wasser ist nicht nur für die Gesundheit und die Ernährung der Menschen eine essenzielle Ressource, sondern unabhängig von der Branche ein wichtiger Produktionsfaktor.

Damit werden nicht nur Rohstoffe, Waren oder Dienstleistungen importiert, sondern auch in erheblichem Umfang die damit verbundenen Wasserrisiken. In den einzelnen Sektoren treten sie in unterschiedlichen Phasen und Intensitäten auf.

In der Bekleidungsindustrie ist zum Beispiel der Baumwollanbau der wasserintensivste Teil der Wertschöpfungskette, während in der Chemieindustrie die größten Risiken aus der Wasserverschmutzung in der Produktion oder der Rohstoffgewinnung liegen.

Ein wesentlicher Anbieter synthetischer Chemikalien ist China. Über 45.000 verschiedene Arten liefern chinesische Chemieunternehmen in die globalen Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig herrscht in Chinas Wasserhaushalt „Alarmstufe Rot“.

70 Prozent der chinesischen Flüsse und Seen gelten nach Angaben der chinesischen Behörden als verschmutzt, 90 Prozent der Wassereinzugsgebiete als kontaminiert, und 60 Prozent der überwachten Grundwasserstationen haben eine zum Teil sehr schlechte Wasserqualität.

Hauptursache für die bedrohliche Verschmutzung sind für das chinesische Ministerium für Umwelt und Ressourcen ungefilterte Industrieabwässer, die in die Umwelt gelangen.

Nach wie vor, so Schätzungen unabhängiger NGOs, gelangen 80 Prozent aller Abwässer aus Industrie und Gemeinden direkt in die chinesischen Gewässer. Dürren und fortschreitende Wüstenbildung verschärfen das Problem.

In zunehmendem Maße erlassen die Länder härtere Umweltvorschriften. Das bedeutet für die Unternehmen dort im günstigsten Fall stark steigende Produktionskosten, im schlimmsten Fall die Schließung der Produktion.

Preiseffekte, die sich dann  auch bei Abnehmern in wasserreichen Regionen widerspiegeln werden. Umwelteffekte, wie zum Beispiel Dürren, werden Engpässe vergrößern. Wasser ist für jedes Produkt ein wichtiger Bestandteil der Herstellung. Wird es knapp, verteuert sich die Ressource und damit auch das Endprodukt.

Viele Unternehmen sind sich dieses versteckten Wasserrisikos bisher nicht bewusst. Sie sind besonders anfällig, wenn es zu Engpässen oder Problemen kommt. Unabhängige Schätzungen gehen davon aus, dass Unternehmen in den etablierten Nationen in Extremfällen Milliardenausfälle durch Wasserrisiken drohen.

Mit Auswirkungen auf die Kapitalmärkte und Investoren. Branchen- und unternehmensbezogene Wasserrisiken können von Anlegern auf verschiedenen Ebenen adressiert werden: als Geschäftsrisiko (Ausfallwahrscheinlichkeit) oder Wertminderungsrisiko einerseits beziehungsweise als Investitionschance oder neues Geschäftsmodell andererseits.

Wasser ist sowohl als Risiko als auch als Chance greifbarer als beispielsweise der Klimawandel. Eine wachsende Weltbevölkerung, anhaltende Urbanisierung, Wirtschaftswachstum und sich ändernde Konsumentenmuster führen zwangsläufig zu einem weiter ansteigenden Wasserbedarf. Folglich werden sich sowohl die Risiken als auch die Chancen in Verbindung mit Wasser immer stärker auswirken, auch auf den Kapitalmärkten.

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