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Proteste gegen das Geschäftsgebaren von Amazon in New York: Eine gut durchdachte Regulierung kann sich positiv auf die Kurse auswirken, denn sie sorgt für ein verlässliches Geschäftsumfeld. | © imago images / ZUMA Wire Foto: imago images / ZUMA Wire

Carsten Roemheld zu Technologie-Aktien

Tech-Regulierung bietet Anlagechancen

Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International

Zwei Tage im Juli brachten die Situation der US-Technologieriesen Facebook, Apple, Amazon und Google präzise auf den Punkt. Vor Vertretern des Kongresses in Washington mussten die Chefs der Konzerne zu Themen wie Desinformation, Datenschutz, umstrittenen Zukäufen und ihrer immensen Marktmacht Rede und Antwort stehen. Das Urteil der Politiker nach der Anhörung war eindeutig: „So wie sie heute existieren haben diese Unternehmen Monopolmacht“, sagte der Demokrat David Cicilline. „Einige müssen zerschlagen und alle richtig reguliert und zur Rechenschaft gezogen werden.“

Am Tag darauf dann der Stimmungsschwenk: Ebendiese Unternehmen legten ihre Zahlen für das zweite Quartal vor. Inmitten einer beispiellosen Wirtschaftskrise erzielte Amazon den höchsten Gewinn in seiner Firmengeschichte. Facebook, Apple und die Google-Mutter Alphabet übertrafen die Erwartungen. Der Marktwert der vier Unternehmen stieg um 250 Milliarden US-Dollar.

Die beiden Tage sind beispielhaft für die Situation der Technologieriesen: Die Geschäftsaussichten sind blendend, die Geschäftsmodelle allem Anschein nach krisensicher. Doch es kündigen sich einschneidende Veränderungen an. Die lang diskutierte Regulierung der Technologiebranche wird mit großer Wahrscheinlichkeit jetzt in die Tat umgesetzt.

Neue Regeln erscheinen Unternehmen oft als Hürden, die das Wachstum vorerst bremsen. Doch die ungeklärten Fragen und fehlenden Regularien für eine Branche, die es so vor wenigen Jahrzehnten noch gar nicht gab, belasten das Geschäft auf ihre eigene Weise. Ich glaube, dass neue Regeln für die Technologiebranche – sofern sie richtig ausgestaltet werden – sogar ein Glücksfall für diese Unternehmen und für Anleger darstellen können.

Der Wettbewerb

Als Indien ein Verbot der Social-Media-Plattform TikTok verhängte, schossen die Nutzerzahlen kleinerer indischer Wettbewerber innerhalb von 48 Stunden von wenigen Hunderttausend in den zweistelligen Millionenbereich. Eine Vielzahl an Firmen profitierte davon, dass der dominante Akteur am Markt plötzlich verschwunden war.

Selbst wenn es große Technologiekonzerne nicht explizit darauf abgesehen haben, Wettbewerber zu verdrängen, ist das dennoch eine Folge des Netzwerkeffekts: Je mehr Nutzer eine Plattform hat, desto attraktiver wird sie. Umso größer werden die Einstiegshürden für neue Marktteilnehmer.

Außerdem häuften sich zuletzt Zustände, die (je nach regulatorischem Umfeld) als wettbewerbsfeindlich gelten können: Apple sieht sich als Anbieter von Streaming-Inhalten im Interessenkonflikt mit Wettbewerbern, die ihr Angebot im App-Store von Apple vertreiben, dort jedoch eine zusätzliche Gebühr an Apple zahlen müssen. Alphabet wächst indes im Reisesegment, verdrängt dadurch Wettbewerber wie TripAdvisor und treibt die Kosten für Reisebuchungsportale in die Höhe.

US-Politiker nehmen ihre Wettbewerbsgesetze nun genau unter die Lupe. Gesetze, die Verbraucher, aber nicht die Wettbewerbslandschaft schützen, sind ein wichtiger Grund, warum die Politik es bisher nicht geschafft hat, die Technologiebranche effektiv zu regulieren. Das rechtliche Umfeld in der EU bietet da eine bessere Grundlage, weshalb diese bei der Regulierung der Branche auch in der Vorreiterrolle ist.

Ich glaube, dass die Technologiebranche von einem gesünderen Wettbewerb profitieren würde. Anlegern stünde eine breitere Palette an vielversprechenden Unternehmen zur Verfügung. Selbst die Zerschlagung großer Technologiekonzerne muss nicht per se schlecht für den Investor sein, da die Summe der Einzelteile oft wertvoller ist, als die Bewertung am Markt derzeit vermuten lässt.

Datenschutz

Als Facebook Drittfirmen vor acht Jahren erstmals Zugang zu seinen Nutzerdaten gewährte, sollten ihre Einstiegsbarrieren dadurch sinken. Andere Marktteilnehmer konnten gewissermaßen auf dem Trittbrett des mächtigen Netzwerks mitfahren. Unternehmen wie Spotify und Tinder haben ihr exponentielles Wachstum nicht zuletzt dieser Entscheidung zu verdanken.

Mit den Enthüllungen um Cambridge Analytica und weiteren Untersuchungen wurde jedoch klar, dass Social-Media-Plattformen sich die gesetzeswidrige Nutzung persönlicher Daten in Form von Werbegebühren fürstlich bezahlen ließen und sich dadurch mitschuldig gemacht hatten. Die gesellschaftliche Perspektive verlagerte sich. Das sonst so innovative Unternehmen Facebook schien plötzlich die Bedürfnisse seiner Nutzer nicht mehr zu verstehen. Heute sind es Apps wie Snapchat und TikTok, die Trends setzen.

Eine strengere Regulierung des Datenschutzes hat jedoch auch Nachteile. Ein Vertreter einer regionalen Aufsichtsbehörde sagte uns: „Ein Erfolg im Datenschutzbereich könnte gleichzeitig ein Rückschlag bei der Wettbewerbsfähigkeit im Internetsegment sein.“ Die Art, wie Uber Standortdaten seiner Kunden nutzt, stellt das Dilemma gut dar. Einige Smartphones fragen Nutzer gelegentlich, ob Uber ihren Standort jederzeit nachverfolgen darf oder nur, wenn sie die App nutzen. Viele dürften sich für Letzteres entscheiden. Uber kann jedoch mithilfe des umfassenderen Datensatzes dafür sorgen, dass sich mehr Fahrer in Gebieten aufhalten, wo gerade auch viele Uber-Nutzer sind. Ohne diese Informationen entgehen Uber Umsätze, und die Kunden warten länger auf ihren Fahrer.

Trotz existierender Datenschutzregeln vor allem in der EU haben die Technologiekonzerne riesige Datenschätze und weitreichende Handhabe darüber. Das war auch der Grund, warum EU-Aufseher die Übernahme von Fitbit durch Alphabet verzögerten. Die Google-Mutter hätte damit Zugang zu den Gesundheitsdaten ihrer Nutzer in Echtzeit. Man stelle sich vor, Alphabet könnte den Puls eines Nutzers messen, wenn er eine bestimmte Werbeanzeige sieht. Alphabet hat nun versprochen, keine persönlichen Daten beim Verkauf von Anzeigen einzusetzen.

Schon heute müssen westliche Unternehmen bei der Entwicklung neuer Produkte mit weit weniger Nutzerdaten auskommen als ihre chinesischen Wettbewerber. Dadurch sind sie jedoch gezwungen, besonders innovativ zu werden – die Not ist oft die Mutter der Erfindung.

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