Jacques-Aurélien Marcireau (Gastautor)Lesedauer: 4 Minuten

Hybride Realität Das Machtverhältnis wird in Frage gestellt

Aktivisten der Klimaschutz-Bewegung „Extinction Rebellion“ protestieren vor einem Gerichtsgebäude in Den Haag, Niederlande
Aktivisten der Klimaschutz-Bewegung „Extinction Rebellion“ protestieren vor einem Gerichtsgebäude in Den Haag, Niederlande: Unternehmen müssen verstärkt Rechenschaft zu ihren ökologischen und gesellschaftlichen Praktiken ablegen. | Foto: Imago Images / ZUMA Wire

Die Organisation der Telearbeit nach der Coronavirus-Pandemie sowie der Eifer, mit denen die Teams wieder persönlich in die Büros zurückkehren, wird ein Hinweis darauf sein, wie gut das Betriebsklima eines Unternehmens wirklich ist. Möglicherweise ist es auch ein Hinweis auf ihre strategische Zukunft. So muss ein Unternehmen, dessen Angestellte nicht mehr in die Büroräume zurückkehren wollen, sich Fragen bezüglich der gemeinschaftlichen Dynamik stellen, die es bisher geschaffen hat. Umgekehrt haben Unternehmen, die von einer starken Tendenz zur freiwilligen Rückkehr in den Betrieb profitieren, aber das Arbeitsumfeld nicht verändern wollen, oder in das entgegengesetzte Extrem der vollständigen Digitalisierung verfallen, die Wahl zwischen einem Attraktivitätsverlust und einer strategischen Sackgasse.

Jacques-Aurélien Marcireau, Co-Leiter des Bereichs Aktien von Edmond de Rothschild AM
Jacques-Aurélien Marcireau, Co-Leiter des Bereichs Aktien von Edmond de Rothschild AM

In dieser hybriden Realität leben wir auch in zahlreichen anderen Bereichen, in denen sich nun das bisherige Machtgefüge ändert. Die Versorgung mit grundlegenden Nahrungsmitteln war noch nie so unsicher – der Preis für Container hat sich in den vergangenen Monaten bis um das 5-Fache vervielfacht im Vergleich zu Durchschnittspreisen vor der Covid-19-Pandemie. Niemals waren uns überflüssige immaterielle Dinge so wichtig wie Non-Fungible Token (NFT) – ein nicht austauschbares Token, also auf Blockchain-Technologie basierende digitale Objekte, oder andere exotische Kryptowährungen, deren Preis lediglich auf einem schwachen Konsens beruht. Anstatt dem Beispiel von Lieferketten könnte man allerdings ebenso gut Halbleiter oder auch bestimmte Metalle wie Kupfer oder seltene Erden wählen.

Lokale Interessen haben Vorrang

Hybrid ist aber auch die Dichotomie der Unternehmen, die 30 Jahre lang von den Möglichkeiten der Globalisierung und einem gewissen Laisser-faire profitiert haben, um ihre Margen zu steigern. Genauer gesagt hat die in den 1980er Jahren eingeleitete Konsolidierungswelle eine Verringerung der Wettbewerbsintensität und eine Gewinnsteigerung ermöglicht, ebenso wie die Standortverlagerungen ins Ausland in einem Umfeld, in dem die Schwellenländer ausländischen Marktteilnehmern einen wichtigen Platz auf ihren Märkten einräumten. Es ist daher keine Überraschung, dass die geschicktesten Unternehmen die Margen des S&P 500 steigern konnten. Sie sind von 4 Prozent in den 1980-er Jahren auf aktuell 10 Prozent gestiegen.

Heute existiert diese Realität parallel mit einer anderen: Diese Unternehmen sind immer weniger willkommen in den Schwellenländern, die keine wirklichen Hemmungen mehr haben, den lokalen strategischen Interessen den Vorrang zu geben. Diese Kehrtwende wird begleitet von der Notwendigkeit einer verstärkten Rechenschaftspflicht bezüglich der ökologischen und gesellschaftlichen Praktiken in den industriellen Herkunftsländern der Unternehmen. Beispiele hierfür sind das Gerichtsverfahren gegen Shell in den Niederlanden oder die Aktion der Finanzaktivisten gegen Exxon. Es handelt sich hier um einen Trend, der keinerlei geografische Grenzen kennt. Japan macht die wirtschaftliche Sicherheit zu einer Priorität, während China seine Internetportale dazu ermutigt, sich auf den Binnenmarkt zu konzentrieren. Unternehmen werden an ihre Herkunft und ihre Verantwortung erinnert.

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