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Die Zukunft ist grün Wie Versicherer auf Nachhaltigkeit umstellen

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Tendenz steigend: Nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wollen rund 90 Prozent der Mitgliedsunternehmen Nachhaltigkeitsaspekte verstärkt in ihrer Kapitalanlage berücksichtigen. Denn als langfristig orientierte Investoren hätten sie ein „natürliches Interesse an ökonomisch nachhaltigen Kapitalanlagen.“ Bereits heute beachte die Mehrheit der Versicherer daher Nachhaltigkeitsziele bei der Anlage ihrer Kundengelder am Kapitalmarkt. Deutlich werde dies unter anderem daran, dass die Assekuranz ein bedeutender Finanzier der deutschen Energiewende geworden ist (siehe Grafik).

Bei der Auswahl der Investments gelte es aber auch, Risiken zu erkennen und zu vermeiden, wie der Kurssturz der Aktien vieler Solaranlagenbauer in den vergangenen Jahren zeige. „Oberstes Interesse der Versicherer ist eine sichere, stabile und damit nachhaltige Rendite für die Versicherten“, heißt es dazu vom GDV. „Empirische Analysen zeigen, dass Renditenachteile bei der Verwendung von ESG-Ansätzen nicht zwingend zu erwarten sind, wenn eine Ausrichtung an finanziell relevanten Faktoren erfolgt.“ Entsprechende Konzepte wie zum Beispiel den Best-in-Class-Ansatz nutzen nach GDV-Angaben rund drei Viertel der deutschen Versicherer.

Und einer Umfrage der Finanzaufsicht Bafin zufolge führt knapp die Hälfte der befragten Versicherungsmanager Negativlisten kontroverser Investments, die für sie gesperrt sind. Eine Positivliste mit besonders gut bewerteten Investitionszielen verwenden 13 Prozent. „Die Auseinandersetzung mit dem ‚E‘ in ESG ist seit jeher fester Bestandteil der DNA von Versicherungsunternehmen, die finanzielle Schäden aus wetterbedingten Ereignissen absichern“, heißt es hierzu von der Bafin. Der intensive Umgang mit der Nachhaltigkeit ist für die Anbieter, die im Fall von Personenversicherungen Leistungen über Jahrzehnte garantieren, also mehr als ein kurzlebiger Trend.

„Die Assekuranz ist durch die langfristige Ausrichtung und ihre Rolle in der Gesellschaft aus meiner Sicht prädestiniert, eine Vorreiterrolle in der Nachhaltigkeitsdiskussion einzunehmen“, meint auch Saskia Juretzek. Sie verantwortet als Senior-Nachhaltigkeitsmanagerin strategische Projekte der Allianz. Der Münchner Konzern präsentierte vor rund einem Jahr seinen Plan, wonach bis zum Jahr 2040 alle „kohlebasierten Geschäftsmodelle im Kundenportfolio in der Versicherung und in der Anlage der Versichertengelder schrittweise auslaufen“ sollen. Der deutsche Branchenprimus schließt bereits jetzt keine neuen Versicherungsverträge mehr für Kohlekraftwerke und -minen ab.

Torsten Leue, Chef der Talanx-Gruppe
Foto: Talanx

Diesem Beispiel zum firmeninternen Kohleausstieg folgt ab sofort auch die Zeichnungspolitik der Talanx-Gruppe. „Durch unsere Investments und auch durch unser Underwriting haben wir einen nicht unerheblichen positiven Einfluss auf die Umwelt“, erklärt Vorstandschef Torsten Leue. Daher tätige der Hannoveraner Konzern in seiner Kapitalanlage von diesem Jahr an keine neuen Investments in Unternehmen, die mehr als 25 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erwirtschaften. „Wir stellen uns unserer Verantwortung. Dies ist allerdings kein Sprint, sondern ein Marathonlauf“, weist Leue auf die Langfristigkeit des Engagements hin.

„Das Thema Nachhaltigkeit hat den Weg aus der Nische in den Mainstream gefunden“, bilanziert Florian Sommer, Leiter Nachhaltigkeitsresearch bei Union Investment. Wie sehr das Thema Nachhaltigkeit für Anbieter fondsgebundener Lebensversicherungen und die Verwalter der für die Policen eingesetzten Portfolios bereits Breitenwirkung entfaltet, zeigt das Beispiel des genossenschaftlichen Asset Managers: Der Marktführer im Segment der staatlich geförderten Riester-Rente mit einem Bestand von knapp 2 Millionen Verträgen ergänzt seine Auswahl bei dem Kassenschlager Uniprofirente Select seit Juli um einen nachhaltigen Aktienfonds. „Nachhaltig Riestern? Geht nicht wirklich. Auch nicht mit Union Investment“, twitterte Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten zu der grünen Offerte. Denn: „Ab Rentenbeginn muss man bei einem Versicherer andocken – und da gibt es keine 100-prozentig nachhaltige Lösung.“

Die Kompassnadel der Assekuranz zeigt allerdings klar in Richtung Nachhaltigkeit, bislang auch ohne starre Vorgaben. Doch künftig soll ein Brüsseler Aktionsplan Europas Versicherer auf diesen Weg zwingen. Im Herbst soll die internationale Aufsichtsbehörde Eiopa darlegen, welche Risiken nachhaltige Investments bergen. „Diese Untersuchung wird von der EU-Kommission bei der Überprüfung der Solvency-II-Richtlinie berücksichtigt“, erwartet Nathalie Berger, zuständige Bereichsleiterin der europäischen Exekutive. Neben dem Regelwerk zur Solvabilität soll auch das zum Versicherungsvertrieb (IDD) ergänzt werden, sodass Vermittler den Nachhaltigkeitswunsch ihrer Kunden abfragen müssen. Bislang spiele dieser laut einer Umfrage der auf Finanzdienstleister spezialisierten Unternehmensberatung Cofinpro kaum eine Rolle: 85 Prozent der Teilnehmer können sich nicht daran erinnern, mit ihrem Berater jemals über nachhaltige Geldanlagen gesprochen zu haben.

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