Förderquoten erhöht Ölpreise in der Achterbahn

Passantin vor Wandbild im Iran: Die US-Sanktionen gegen den Ölförderstaat verknappen das Ölangebot | © Getty Images

Passantin vor Wandbild im Iran: Die US-Sanktionen gegen den Ölförderstaat verknappen das Ölangebot Foto: Getty Images

Gähnende Leere auf den Autobahnen der Bundesrepublik Deutschland. Nur einige Spaziergänger stören Stille und Einsamkeit, als am 25. November 1973 erstmals in der Geschichte des Landes ein bundesweites Fahrverbot herrscht. Schuld ist ein Embargo der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) mit verheerenden Folgen für die westeuropäische Wirtschaft. Die Konjunktur stürzt auf breiter Front ab, und hierzulande vervierfacht sich die Zahl der Arbeitslosen in zwei Jahren auf mehr als eine Million.

Experten warnen vor Knappheit

Ziemlich genau 45 Jahre nach den Autobahn-Spaziergängen nehmen die Stimmen zu, die vor einer erneuten Ölknappheit warnen. Jüngster Krisenherd: Seit Oktober sieht sich Saudi-Arabien, eines der wichtigsten Förderländer, mit dem Vorwurf konfrontiert, in seiner Istanbuler Botschaft einen Journalisten getötet zu haben. Prompt ertönen Rufe nach Sanktionen, worauf das saudische Königshaus seinerseits mit Konsequenzen droht.

Wird es wieder Öl als Waffe einsetzen und die Fördermenge drosseln? Dem erteilte der Ölminister des Königreichs, Chalid al-Falih, bereits eine Absage. Die Ölpreis-Hausse lief aber trotz der Beschwichtigung lange wie geschmiert. Anfang Oktober führt der steile Anstieg auf das höchste Niveau seit November 2014: Die Sorte Brent kostete zwischenzeitlich bereits 86,7 US-Dollar pro Fass, die sich preislich ähnlich entwickelnde Sorte WTI 76,4 US-Dollar pro Fass. Stand 21. Oktober verteuerte sich der fossile Brennstoff seit seinem Tief im Januar 2016 um mehr als 170 Prozent.

Wo liegen die Ursachen? Wesentlicher Grund für die explodierenden Preise sind Experten zufolge die umfangreichen Maßnahmen der USA gegen den drittgrößten Opec-Produzenten Iran. „Anfang November startete die zweite Sanktionsrunde, die direkt iranische Ölverkäufe unterbinden soll. Damit kann es nun richtig brenzlig werden“, sagt Norbert Hagen, Vorstand des Vermögensverwalters ICM. Eines steht für Hagen ohnehin fest: „Die Zeit des billigen Öls ist vorbei.“

                                 Quelle: Morningstar, Finanzen.net

Hinzu kämen weitere Förderausfälle etwa in Venezuela, stellt Baader-Bank-Chefanalyst Robert Halver fest, die Ängste vor einer drohenden Angebotslücke auf dem Energiemarkt nähren: „Auch wegen der im Vorgriff auf die Sanktionen betriebenen Bunkermentalität vieler Industriestaaten ist mittlerweile der Ölpreis der Sorte Brent auf den höchsten Stand seit 2014 gestiegen.“ Die wiederholte Aufforderung von US-Präsident Donald Trump an die sogenannte Opec+, also die klassische Opec plus weitere Förderstaaten wie Russland, mehr Öl zu produzieren, hätte erwartungsgemäß nicht funktioniert. „Niemand will sich als abhängige Marionette der USA präsentieren“, so der Experte.

Ohnehin zeigt sich gerade Saudi-Arabien mit Preisen von 80 US-Dollar ausdrücklich zufrieden, weil das Land damit über höhere Staatseinnahmen die neue Ausrichtung seiner Wirtschaft weg vom Öl finanziell absichern kann und sich zudem die Aussichten für den Börsengang der weltweit größten Erdölgesellschaft Saudi Aramco verbessern. Außerdem treiben Spekulanten auf dem Terminmarkt den Preis. „Sie haben Blut oder besser Öl geleckt“, sagt Halver. Ihr Anlagenotstand in einem renditearmen Umfeld habe sie auf den Zug steigender Notierungen aufspringen lassen und so die Preisspirale weiter beschleunigt.

Schnelle Preisanstiege können Rezession ankündigen

Preise von 60 bis 80 US-Dollar sorgten zumindest für ein Gleichgewicht, meint Ludwig Palm vom Kölner Vermögensverwalter Flossbach von Storch: „Zum einen können die Produzenten gut damit leben und das Nötige investieren. Zum anderen ist es für Importeure noch bezahlbar. Makroökonomisch ein wünschenswertes Szenario“, so der für Öl und Gas zuständige Analyst.

Dagegen könnten weiter steigende Ölpreise wie einst in den 70er-Jahren die Wirtschaft brutal bremsen, Konjunktureinbußen und Inflation drohen. „Schnelle und starke Preisbewegungen können ökonomische Schocks auslösen“, so Palm. Als Beispiel nennt der Experte den Zeitraum von Anfang 2007 bis Mitte 2008, in dem der Ölpreis um 180 Prozent kletterte. Und warnt: „In den vergangenen 40 Jahren ging allen Rezessionen ein schneller und starker Ölpreisanstieg voraus.“

Allen Unkenrufen zum Trotz lässt der Preissturz der vergangenen Wochen von knapp 80 auf unter 65 US-Dollar bei der Sorte Brent den Energierohstoff vorerst in dem von Palm genannten Korridor bleiben. US-Präsident Donald Trump dankte bereits Saudi-Arabien dafür, dass sich die Ölpreise aktuell wieder auf einem deutlich tieferen Niveau befinden. Die rasant sinkenden Preise seien wie eine große „Steuersenkung für die USA und die Welt“. Und wies darauf hin, dass aus seiner Sicht die Notierungen gern noch weiter fallen dürften.