Christophe Frisch

Christophe Frisch

„Homogene Renditen aller Euro-Mitgliedsländer wie noch 2007 gehören der Vergangenheit an“

DAS INVESTMENT.com: Alle drei großen Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit Spaniens gesenkt. Die Euro-Staatsanleihenkrise ist also noch nicht vorbei? Christophe Frisch: Die aktuellen Entwicklungen an den Märkten signalisieren keine große Krise. Handelstage mit weiteren Herabstufungen und Erhöhungen der Risikoprämien gegenüber Bundesanleihen werden abgelöst von Handelstagen mit Spread-Beruhigungen. Wir sind jedoch zuversichtlich, was die Entwicklung der besprochenen Peripherie-Staaten betrifft. Die Senkung der spanischen Kreditwürdigkeit war allgemein im Markt erwartet und galt als berechtigt. Wie der jüngste Schritt von Fitch in Irland zeigt, ist mit weiteren Downgrades zu rechnen. Wir sehen Potenzial für Herabstufungen insbesondere bei Portugal – wobei die Gefahr durch die Ankündigung weiterer Sparmaßnahmen Anfang Oktober geringer geworden ist – und bei Irland im Zusammenhang mit den dort beschlossenen Bankenrettungsprogrammen. Bei Spanien ist es wohl nicht nötig, erneut das Rating zu senken, da die gestarteten Sparmaßnahmen bis jetzt positiv zu bewerten sind. Alle bisherigen Fiskalprogramme gehen jedoch davon aus, dass sich die Wirtschaft relativ schnell wieder erholen wird. Kommt diese Erholung nicht, werden die Staaten weitere Kürzungsprogramme nachlegen müssen. Kurzfristig wird dies zu einer neuerlichen Schwächung der Wirtschaft führen. DAS INVESTMENT.com: Ist Spanien noch ein Euro-Peripherie-Staat? Und wie bedroht sind die Kernstaaten und speziell Deutschland von einer Staatsanleihenkrise? Oliver Kroll: Peripherie bedeutet in erster Linie lediglich, dass sie den Rand der Europäischen Währungsunion (EWU) bilden. Spanien ist sicherlich kein kleines EWU-Land. Insgesamt haben die PIGS-Staaten Portugal, Italien, Griechenland und Spanien zusammen genommen 1.200 Milliarden Euro Schulden ausstehen. Von denen schlägt Spanien mit 700 Milliarden Euro deutlich zu Buche. Die Größe Spaniens wurde bisher immer als Hinweis auf eine geringe Gefährdung gesehen, der Markt nimmt dies derzeit jedoch eher als Nachteil auf. Spaniens Gesamtverschuldung liegt mit etwa zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes unter dem Schuldenstand von Deutschland sowie unter dem Durchschnitt der EWU. DAS INVESTMENT.com: Wie bedroht ist Deutschland von der Staatsanleihenkrise? Kroll: Das Risiko für Deutschland wird von den Märkten wegen der robusten Wirtschaft als sehr gering angesehen. Das macht eine deutsche Schuldenkrise – mit ähnlichen Auswirkungen wie an der Peripherie – sehr unwahrscheinlich. Des Weiteren profitieren deutsche Anleihen bis zu einem gewissen Punkt von Problemen anderer EU-Staaten, da Anleger in deutsche Anleihen als so genannten sicheren Hafen flüchten. Die demografie-bedingte Verschlechterung der Budgetsituation in den kommenden Jahren sollte langfristig jedoch nicht unterschätzt werden. DAS INVESTMENT.com: Sind die strukturellen Probleme in den Krisenstaaten gelöst? Frisch: Nein, sonst hätten die Märkte euphorisch darauf reagiert. Die notwendigen Schritte wie Steuer- und Schuldenkonsolidierungen wurden jedoch angestoßen und sollten demnach in Zukunft Wirkung zeigen – vor allem in Spanien und Irland. Portugal und Griechenland müssen gegebenenfalls weitere Maßnahmen einleiten. Portugal hatte bereits den richtigen Weg eingeschlagen, musste jedoch in den letzten beiden Monaten einige Rückschläge verkraften. Alle Länder müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Neben Lohnmäßigung muss das vor allem durch Produktivitätssteigerungen geschehen. Hier stehen Öffnung von Arbeitsmärkten, mehr Bildung und flexiblere Arbeitsmärkte an erster Stelle. Zusätzlich muss es weitere Reformen der Sozialversicherungssysteme geben, insbesondere Renten. DAS INVESTMENT.com: Hat der 750 Milliarden Euro schwere Rettungsschirm etwas gebracht? Frisch: Schwer zu sagen, weil wir nicht wissen, was ohne den Rettungsschirm passiert wäre. Im Mai sah es nach dem erneuten Einbruch der weltweiten Aktienmärkte nicht gut aus. Weiter erhöhte Risikoprämien der Staatsanleihen konnten trotz des European Financial Stability Facility (EFSF) zunächst nicht verhindert werden. Unserer Meinung nach gibt der EFSF aufgrund seines AAA-Ratings aber durchaus Stabilität. Problembelastete Staaten können so mit dem Rückhalt einer AAA-Konstruktion rechnen. Die Bereitschaft der Europäischen Zentralbank (EZB), den Anleihenmarkt in Stresssituationen zu stützen, bietet zusätzliche Sicherheit. DAS INVESTMENT.com: Wurde das Geld des Rettungsschirms schon genutzt? Frisch: Bis jetzt noch nicht. Griechenland hat Hilfen vom Internationalen Währungsfonds (IMF) und anderen Unterstützern außerhalb des EFSF erhalten. Aber erst dann wird sich zeigen, ob er etwas bringt. Sollte sich die Lage verschärfen, könnte Irland den EFSF im kommenden Jahr in Anspruch nehmen. Politisch gesehen ist der EFSF wichtig für den Zusammenhalt der Eurozone. Er zeigt, dass die Länder in der Krise zusammenstehen. DAS INVESTMENT.com: Wird der EFSF funktionieren? Frisch: Das wird sich erst zeigen, wenn er gebraucht wird. Sollte Spanien neben weiteren Ländern Mittel aus dem EFSF beantragen müssen, könnte sich der Fonds als zu klein herausstellen. Die Finanzminister müssten den Betrag erhöhen. Der EFSF beschafft sich die Gelder über den Kapitalmarkt – könnte damit jedoch eine direkte Konkurrenz zu Bundesanleihen darstellen – damit ist speziell Deutschland erst mal nicht betroffen, sondern nur bei einem Ausfall. Die vom EFSF emittierten Anleihen sollten gut aufgenommen werden, da aufgrund der hohen Liquiditätsausstattung der Finanzmärkte großer Anlagebedarf besteht. Der Pick-up dürfte leicht höher liegen als bei den Bundrenditen. Sollte der Rettungsschirm entgegen der aktuellen Erwartung des EFSF-Chefs tatsächlich in Anspruch genommen werden, werden die Rentenmärkte noch mal volatil reagieren. DAS INVESTMENT.com: Was raten Sie Anlegern? Kroll: Wir rechnen auch auf längere Sicht mit einer hohen Volatilität bei Staatsanleihen von Peripherie-Staaten: Je bonitätsschwächer, desto volatiler. Auf der anderen Seite halten wir einen Zahlungsausfall eines Eurolandes während der Laufzeit des Rettungsschirms bis 2013 oder 2014 für recht unwahrscheinlich. Die Szenarien für die Zeit danach sind vielschichtig: Vom Default über eine geordnete Entschuldung bis hin zur Erholung sind alle Varianten möglich. Alles wird vom politischen Willen und der Bereitschaft abhängen, die Eurozone als solche zu erhalten. Der Zahlungsausfall eines Eurozonenlandes würde der Währungsgemeinschaft ein neues Gesicht geben. Homogene Renditen aller Mitgliedsländer wie noch 2007 gehören sicher der Vergangenheit an. Anleger werden künftig zwischen bonitätsstarken AAA-Ländern und etwas schwächeren Staaten unterscheiden und dementsprechende Risikoprämien fordern. Sollte sich die Gesamtlage beruhigen und das Vertrauen in Politik und Sparmaßnahmen zurückkehren, ergeben sich für risikobereite Anleger auf mittlere Sicht Einstiegschancen. Griechenland stellt dabei durch das nunmehr fest verankerte Junkrating (BB-Bereich) eine Besonderheit dar, da es für solche Anleihen wesentlich weniger Investoren gibt. Risikoaverse Anleger konzentrieren sich hingegen auf stabile Staatsanleihen von Ländern wie Deutschland, Finnland oder Österreich.

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