Income Investing bei steigenden Zinsen „Wir wollen Anlagen mit stabilen Langfristerträgen“

Sieht in moderat steigenden Zinsen kein großes Problem für die Aktienmärkte. Jim Lovelace, Portfoliomanager Capital Group. | © Capital Group

Sieht in moderat steigenden Zinsen kein großes Problem für die Aktienmärkte. Jim Lovelace, Portfoliomanager Capital Group. Foto: Capital Group

Herr Lovelace, Aktien haben weiter zugelegt, obwohl in den USA die Zinsen gestiegen sind. Kann das so weitergehen?

Jim Lovelace: Aktien müssen nicht unbedingt unter steigenden Zinsen leiden. Schließlich ist der Hauptgrund für höhere Zinsen eine starke Konjunktur, welche die Unternehmensgewinne steigen lässt oder durch steigende Gewinne erst möglich wird. In der Frühphase eines Aufschwungs legt meist beides zu, die Zinsen ebenso wie die Aktienkurse.

Erst gegen Ende des Konjunkturzyklus, wenn die US-Notenbank (Federal Reserve, Fed) die Wirtschaft abkühlen will, können steigende Zinsen den Aktienkursen schaden. Doch auch sonst machen steigende Zinsen den Investoren Sorgen, weil sie an frühere Leitzinserhöhungen der Fed denken, die den Aufschwung beendeten. Meist stehen steigende Zinsen aber lediglich für eine starke und dynamische Wirtschaft.

Ist der US-Zehnjahreszins für Sie ein Hinweis darauf, dass die US-Notenbank die Konjunktur bremsen will?

Lovelace: Im Vergangenheitsvergleich ist der derzeitige US-Zehnjahreszins mit etwa drei Prozent sehr moderat. Für mich ist er kein Hinweis darauf, dass die Fed die Konjunktur bremsen oder die Inflation dämpfen will. Zinsen von vier bis fünf Prozent wären vermutlich problematisch. Moderat steigende Zinsen halte ich aber für kein großes Problem für die Aktienmärkte.

Sie investieren schon lange in dividendenstarke Aktien. Wie hat sich das Anlageuniversum geändert? Und sind die meisten dieser Aktien noch immer zinssensitiv?

Lovelace:  Bei der Frage nach der Zinssensitivität muss man meiner Ansicht nach zwischen kurz- und langfristiger Zinssensitivität unterscheiden. Kurzfristig reagieren Investoren auf Zinsänderungen, sodass sich Aktien mit hohen Dividendenrenditen dann analog zu Anleihen entwickeln und den Zinsschwankungen folgen.

Längerfristig gilt dieser Zusammenhang jedoch nicht. Wenn etwas ein Unternehmen weniger zinssensitiv macht, dann ist dies das mittel- und langfristige Dividendenwachstum; schließlich gibt es bei Anleihen keine steigenden Coupons. Je weniger aber die Dividendenrendite schwankt, desto mehr gleicht die Aktie einer Anleihe. Je mehr die Dividenden steigen, desto größer sind die Unterschiede.

Denken Sie an eine Aktie mit einer hohen Dividendenrendite, die mittel- und langfristig zunimmt. Eine solche Aktie ist nicht zinssensitiv. Maßgeblich ist vielmehr das Gewinnwachstum. Dennoch kann es passieren, dass sich kurzfristig denkende Investoren von dem Titel trennen, weil die Zinsen steigen. Das passiert gar nicht so selten.

Vor diesem Hintergrund: Welcher Sektor ist für Sie momentan der zinssensitivste?

Lovelace: Elektrizitätsversorger bleiben der zinssensitivste Sektor des Aktienmarkts. Das ist auch plausibel, da es sich schließlich um regulierte Monopole handelt. Viele Elektrizitätsversorger haben zwar auch andere Sparten, die weniger zinssensitiv sind. Insgesamt steigen die Dividenden aber nur wenig, sodass diese Aktien Anleihen besonders stark ähneln. An zweiter Stelle käme dann die Telekommunikation. Hier steigen die Dividenden aber etwas mehr, sodass sie nicht ganz so zinssensitiv sind.

Gibt es Länder oder Regionen, die ein besonders hohes Dividendenwachstum versprechen?

Lovelace: Capital Income Builder war schon immer eine internationale Strategie. In den 1980er-Jahren gab es nur an wenigen Märkten hohe Dividenden. Außer den USA fallen mir hier nur Großbritannien, Australien und Hongkong ein. Doch dann haben die Unternehmen aus vielen anderen Ländern erkannt, wie wichtig Dividenden sind – denn sie stabilisieren den Markt und sorgen für überdurchschnittliche Langfristerträge.

Heute zählt Kontinentaleuropa zu den Regionen, in denen sich sehr viele gute Aktien mit steigenden Dividenden finden lassen. Auch Südostasien, also nicht nur Hongkong, ist sehr interessant. Hier gibt es viele stark wachsende Unternehmen mit einer ausgeprägten Dividendenkultur.