Interview mit Pictet Asset Management Smart Cities als neues Habitat für Aktienanleger

Messe „Smart Cities India“ in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi: Die demografische Entwicklung bietet Kapitalanlegern viele Chancen.   | © AFP

Messe „Smart Cities India“ in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi: Die demografische Entwicklung bietet Kapitalanlegern viele Chancen. Foto: AFP

Ivo Weinöhrl, Senior Investment Manager für Pictet-SmartCity

Herr Weinöhrl, was macht eine „Smart City“ aus?

Ivo Weinöhrl: Kurz gesagt verbessert eine Smart City die Lebensqualität ihrer Bürger und sorgt dafür, dass der sich abzeichnende Urbanisierungstrend nachhaltig ist. Möglich ist dies, weil Smart Cities in der Lage sind, die von unserer zunehmend technologischen und vernetzten Welt generierten Daten zu sammeln, zusammenzuführen, zu analysieren und die daraus gewonnenen Erkenntnisse auf unseren Alltag anzuwenden – mit dem Ziel, die mit den Aktivitäten des Menschen verbundenen Herausforderungen zu bewältigen.

Warum ist dieses Thema für Anleger so relevant?

Weinöhrl: Auf der ganzen Welt müssen sich Städte auf ein rasantes Bevölkerungswachstum einstellen und sich anpassen, um das Wohlergehen ihrer Bewohner weiter zu verbessern und die Umweltbelastung zu verringern. Damit dies möglich ist, müssen wir sie „intelligenter“ machen. Aus diesen Herausforderungen ergibt sich eine Vielfalt an Investmentmöglichkeiten in sehr vielen Branchen. Unternehmen, die im Bereich Mobilität und Transport, Infrastruktur, Immobilien, nachhaltiges Ressourcenmanagement und Dienstleistungen zur Unterstützung eines urbanen Lebensstils tätig sind – sie alle tragen dazu bei, dass dieser Wandel gelingt.

Und warum sind „Smart Cities“ die Zukunft? Verfügen viele Ballungszentren überall auf der Welt nicht bereits über umfangreiche und teure Infrastrukturen zur Unterstützung der Städte?

Weinöhrl: Hierzu zwei Worte: Demografische Entwicklung. Die Weltbevölkerung wächst in schnellem Tempo und gleichzeitig ziehen die Menschen in die Städte, um mehr Chancen zu haben oder weil sie ihre Lebensweise verändern wollen. Diese Dynamik ist in den Schwellenländern besonders ausgeprägt, wo sich der Urbanisierungsgrad in den kommenden dreißig Jahren an die Verhältnisse in den Industrieländern anpassen wird. Die traditionelle Infrastruktur wird schlichtweg nicht mehr ausreichen, um diesem Zustrom an Menschen gerecht zu werden. Citigroup schätzt, dass bis 2030 Investitionen von 2,1 Billionen US-Dollar pro Jahr nötig sein werden, damit 4 Milliarden Menschen in nachhaltige Städte und Ballungszentren umsiedeln können.

Grafik: Immer mehr Menschen ziehen in die Städte: Städtische Bevölkerung in Millionen pro Land

                                                                            Quelle: Weltbank, 2016

Wo sollen die Geldmittel herkommen? Sind nicht viele Regierungen auf der Welt stark verschuldet?

Weinöhrl: Ja, das stimmt, aber gleichzeitig sind sie an verschiedenen Fronten gezwungen zu handeln. Zum einen sehen die Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung, die 2015 festgelegt wurden, vor, dass bis 2030 einige unserer größten Herausforderungen in Angriff genommen werden sollen. Beim Ziel Nummer 11 geht es ausdrücklich darum, Städte und Siedlungen lebenswert, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig zu machen. Das wird die globale politische Agenda und auch Investments in den kommenden zehn Jahren bestimmen. Gleichzeitig streben die Menschen rund um den Globus nach einer besseren Lebensqualität für sich selbst und ihre Kinder – angefangen bei der Luft, die sie atmen, bis hin zu besserer medizinischer Versorgung. Aber angesichts der Tatsache, dass es den Staaten an Überschussliquidität fehlt, wird ein großer Teil der Investitionen in „Smart Cities“ aus öffentlich-privaten Partnerschaften oder direkt aus dem privaten Sektor kommen. Und das passiert schon heute. Ein hervorragendes Beispiel ist New York, wo der Umbau alter Telefonzellen zu superschnellen, kostenlosen WLAN-Hotspots durch den Verkauf von Werbung finanziert wird, die auf Displays an den WLAN-Stationen gezeigt wird.