John Cryan beerbt Fitschen und Jain

Dieser Mann soll die Deutsche Bank umkrempeln

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John Cryan, seit 2013 Mitglied des Aufsichtsrats der nach Bilanzsumme größten Bank Europas, wurde am Sonntag überraschend zum nächsten Konzernchef ernannt. Ende des Monats übernimmt er die Stelle von Co-Chef Anshu Jain. Ab Mai 2016, wenn auch Jürgen Fitschen sein Amt niederlegt, soll Cryan die Bank allein führen.

Der 54-jährige Cryan machte in der UBS AG Karriere und beriet 2007 als einer der ranghöchsten Investmentbanker der Schweizer Großbank ABN Amro Holding NV bei deren Verkauf. Als sich im Jahr darauf die Finanzkrise zuspitzte, avancierte Cryan zum Finanzvorstand der UBS. In dieser Funktion half er, die Bilanz der auf staatliche Hilfe angewiesenen Bank zu kürzen. Cryan spricht deutsch und gilt als Mann, der durchdachte und präzise Antworten gibt.

“John ist nicht der geborene Anfeuerer, er ist verstandsgeleitet”, sagte Olivier Sarkozy, der bei der UBS an Cryans Seite die Abteilung der Investmentbank leitete, die sich um Finanzdienstleister kümmerte. “Der Aufsichtsrat kennt ihn gut und sie sagen sie wollen diese Art von Bedachtsamkeit und intellektueller Genauigkeit.”

Dennoch war die Entscheidung für Cryan eine Überraschung, sagte ein wichtiger Investor, der damit rechnete, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner selbst die Konzernführung übernehmen würde.

Cryan erbt den vor zwei Monaten von Jain und Fitschen veröffentlichten Plan zur Neuaufstellung der Bank. Das Vorhaben zur Wiederherstellung der von strengerer Regulierung, schwachen Handelsvolumina und jahrelangen Ermittlungen durch die Justiz untergrabenen Ertragskraft kam bei den Investoren nicht gut an. Der Plan sieht ein Abspecken der Investmentbank sowie einen Teilverkauf der Postbank vor.

Bei der Hauptversammlung im Mai erntete die Unternehmensführung in den Abstimmungen die niedrigsten Zustimmungsraten seit mindestens einem Jahrzehnt. Die Deutsche Bank teilte am Sonntag mit, Cryan werde die Strategie 2020 “umsetzen”. Der Investor, der sich Anonymität ausbat, wäre allerdings nicht überrascht, wenn der designierte Konzernchef Änderungen daran vornähme.

Als ABN Amro Cryan als einen der Hauptberater engagierte, näherte sich die Bankbranche dem Ende eines Booms. Das Institut verkaufte sein US-Geschäft für 21 Mrd. Dollar an die Bank of America Corp., anschließend den Rest für rund 72 Mrd. Euro an eine Gruppe unter Führung der Royal Bank of Scotland Group Plc. Der Umfang der Transaktion war Branchenrekord.

“John verschaffte uns den Auftrag, ABN Amro zu verkaufen, und er hat die Kontroversen, die die Transaktion umgaben, gehandhabt”, sagte Sarkozy. “Er hat das meisterhaft gemacht.”

Finanzvorstand der UBS wurde Cryan im September 2008, als die Verluste und Abschreibungen der Züricher Bank 48 Mrd. Dollar überstiegen. In Interviews und Telefonkonferenzen mit Analysten erinnerte er die Investoren häufig daran, dass das Vermeiden von Risiken auf kurze Sicht eine geringere Ertragskraft zur Folge haben werde.

“Wir wollen unsere Bilanz nicht mit Positionen aufladen, bei denen wir darauf angewiesen sind, dass der Markt in eine bestimmte Richtung läuft, um Geld zu verdienen”, sagte er in einem Interview im Juli 2010.

Während seiner Zeit als Finanzchef der UBS kürzte die Bank ihre Bilanz von 2 Billionen Schweizer Franken auf rund 1,2 Billionen Franken, zeigen von Bloomberg zusammengestellte Daten. Mehrere tausend Stellen wurden abgebaut und das Geschäft auf die Vermögensverwaltung konzentriert.

Cryan antwortete nicht auf die Bitte um einen Kommentar zu diesem Artikel. Seine Ehefrau Mary arbeitete zu seiner Zeit bei der UBS ebenfalls für die Schweizer Bank, berichtet eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Sie kaufte ausweislich des Grundbuchs 2009 ein Haus in Annapolis im US-Bundesstaat Maryland. Das kinderlose Ehepaar besitzt darüber ein Haus in London.

Cryan hat ein Diplom der Universität Cambridge. Er fing 1987 bei S.G. Warburg & Co. an. Das Unternehmen wurde 1995 von der UBS übernommen.

2011 verließ Cryan die UBS, um “andere Interessen zu verfolgen” und heuerte später bei Temasek Holdings Pte. an, dem staatlichen Investmentfonds von Singapur. 2014 legte er sein Amt als Präsident mit Zuständigkeit für Europa bei dem Fonds nieder. Bei der Deutschen Bank gehört er dem Prüfungs- sowie dem Risikoausschuss an. Darüber hinaus ist er im Board beim britischen Hedgefondsanbieter Man Group Plc.

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