Uwe Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Vermögensverwaltung Meridio

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Prognosen sind gut

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Warum eigentlich wird gerade den Akteuren am Finanzmarkt immer wieder vorgeworfen, dass ihre Prognosen nicht stimmen? Weil sie nicht stimmen. Aber das ist nicht schlimm, denn Prognosen sind zwar vielleicht nicht immer richtig, aber trotzdem wichtig.

Vielleicht muss man einfach mal einen Schritt zurücktreten vom Rand des Parketts, um das ganze Bild zu erfassen. Denn sehen können wir immer nur das, was gerade ist. Der Dax etwa zuckelt gemächlich über Ticker, Dow und Dollar genauso. Dabei wird der Preis für eine Ware gemessen, verarbeitet und dann dargestellt. In Echtzeit.

Wir sehen auch was war, denn das wird in der Regel gleich mitgeliefert, so dass aus dem kleinen Punkt, der den gerade aktuellen Preis etwa für Öl zeigt, eine schöne Linie wird. Das lässt sich zu Vergleichszwecken gut nutzen. Öl ist heute teurer als gestern ist eine gute, klare und leicht zu kontrollierende Aussage.

Die Zukunft dagegen sehen wir nicht, deshalb flüchten wir in Prognosen. Sie geben uns das gute Gefühl, auch das Kommende erfassen und damit kontrollieren zu können. Dieses gute Gefühl entsteht dabei aus der Plausibilität der Argumente und dem Glauben daran. Dann natürlich sprechen im Zweifel genauso viele gute Argumente etwa für einen Anstieg des Goldpreises wie dagegen.

Das Entscheidende an den Prognosen aber ist die Absicht, mit der sie erstellt werden. Banken etwa wollen möglichst viel Umsatz machen. Da ist es ihnen egal, ob sie für ihre Kunden kaufen oder verkaufen, sie verdienen an den Gebühren des Kaufs. Kein Wunder also, dass hier die Prognosen oft einen etwas kürzeren Zeithorizont haben. Es geht nicht darum, den Kunden die Geldanlage für die kommenden 30 Jahre zu ermöglichen. Kurzfristig, bis Jahresende, bis Quartalsende oft, sollen die Prognosen halten, dann erreichen sie ihr Verfallsdatum.

Das Gute daran: der Kunde findet am Jahresanfang die Emerging Markets toll, die Prognosen geben ihm recht. Am Jahresende sind die Prognosen revidiert, der Anleger verkauft seine Emerging-Markets-Produkte und kauft etwas Neues. Unabhängige Berater haben oft einen längeren Horizont, aber weniger Prognosequalität. Deshalb berufen sie sich oft auf die Werke anderer – die wiederum mit bestimmten Absichten erstellt wurden.

Besser ist es für Anleger, sich die Prognosen selbst anzuschauen, sich möglichst auch eine mit einer gegenteiligen Meinung zu holen und dann den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Wer das schafft, liegt oft richtig. Denn natürlich kann es sein, dass die Emerging Markets zu einem Zeitpunkt attraktiv sind und zu einem späteren die Kurse bereits stark gestiegen, für den Analysten also das Potential schon geringer geworden ist. Langfristig aber werden dort wahrscheinlich starke Volkswirtschaften entstehen, an deren Entwicklung man verdienen kann. Man muss es nur durchhalten, wenn es auch mal nicht ganz so gut läuft. Aber dann haben ja die anderen Prognosen recht.

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