Standard Life Investment-Expertin: „Umweltkatastrophen erhöhen das öffentliche Interesse am Thema Nachhaltigkeit“

Julie McDowell, Standard Life Investment

Julie McDowell, Standard Life Investment

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Frage: Der Markt für nachhaltige Anlagen wächst: In Deutschland, Österreich und der Schweiz beispielsweise sind laut einer Studie des europäischen Nachhaltigkeitsforums „Eurosif“ mittlerweile rund 38 Milliarden Euro darin investiert. Im europäischen Vergleich, wo der Anteil nachhaltiger Anlagen am Gesamtmarkt durchschnittlich rund 10 Prozent beträgt, sehen die deutschsprachigen Länder mit nur 1 Prozent aber recht bescheiden aus. Sind die hiesigen Investoren in punkto Nachhaltigkeit unwissend oder einfach uninteressiert?

Julie McDowell
: Der europäische Markt für nachhaltige Anlagen ist laut der Eurosif-Studie von 2,7 Billionen Euro im Jahr 2007 auf fünf Billionen Euro Ende 2009 gewachsen. Dieses Wachstum wurde von einer erhöhten Aufmerksamkeit für soziale Belange wie Menschenrechte und Sorgen um die Umwelt und den Klimawandel vorangetrieben. Darüber hinaus wird ein stärkerer Fokus auf die Verantwortung der Investoren gelegt. Sie sollten gute Standards in den Unternehmen fördern, in die sie investieren.

Und schließlich stehen mehr Investmentprodukte zur Verfügung, die nachhaltige Investmentprinzipien berücksichtigen. Das Wachstum von SRI in Deutschland ist zwar noch hinter dem anderer Länder in Europa, aber unsere Erfahrung zeigt, dass es sich dabei nichtsdestotrotz um eine Anlageklasse handelt, die bei deutschen Anlegern an Bedeutung gewinnt.

Frage
: Ist Nachhaltigkeit eher ein Thema für institutionelle Investoren als für Privatanleger?

McDowell
: Auf keinen Fall. Das Interesse privater Anleger an Investments, die Umwelt- und sozialen Kriterien entsprechen, hat zum Start von ethischen Fonds in den 1980er-Jahren geführt. Unsere jährliche Befragung von Investoren in unseren ethischen Fonds belegen immer wieder, dass gerade Privatanleger ein großes Interesse an nachhaltigen Belangen haben.

Frage
: Haben die jüngsten Umweltkatastrophen wie das Giftschlamm-Unglück eines Aluminiumkonzerns in Ungarn und das Desaster von BP im Golf von Mexiko den Trend zu nachhaltigen Investments eher gefördert oder behindert?

McDowell
: Aus meiner Sicht zeigen diese Vorgänge eindrucksvoll, welch hohe Kosten entstehen, wenn man daran scheitert, Umwelt- und Sicherheitsrisiken zu managen. Deshalb erhöhen sie eher den Grad des Interesses aller Investoren an nachhaltigen Belangen als das sie ihn verringern.

Frage
: Die Unternehmensberatung Accenture hat in einer weltweiten Studie unter CEOs kürzlich ermittelt: Neun von zehn Unternehmensführern gehen davon aus, dass Nachhaltigkeit innerhalb von zehn Jahren Teil ihres Kerngeschäfts sein wird. Sind das nur Lippenbekenntnisse, oder tut sich da wirklich etwas?

McDowell
: Die Studie zeigt die Anerkennung von Unternehmenslenkern, dass nachhaltige Belange für Kunden, Mitarbeiter, Aufsichtsbehörden und Anleger eine wichtige Rolle spielen – mit anderen Worten also für alle Interessengruppen, an die sie denken müssen. Die wachsende Zahl von weltweit operierenden Konzernen, die einen so genannten Corporate Rensponsibility Report für ihr Unternehmen erstellen, zeigen ebenfalls die gewachsene Wichtigkeit von Nachhaltigkeit: Im Jahr 2000 haben weniger als 1.000 Unternehmen einen solchen Bericht veröffentlicht. Bis 2005 hat sich diese Zahl auf über 2.000 mehr als verdoppelt, und 2009 produzierten schon mehr als 3.500 Unternehmen solche Berichte.

Frage
: Bei nachhaltig gemanagten Finanzprodukten denken die meisten Anleger laut einer anderen Studie von Feri EuroRating in erster Linie an „erneuerbare Energien“, „Umweltschutz“ und „Corporate Governance“. Was ist mit den weiteren nachhaltigen Themen wie der Achtung von Menschrechten, fairem Handel oder dem Verbot von Kinderarbeit? Achten Investoren auch darauf?