Umfrage

Mario Draghi hat Schlacht um QE so gut wie gewonnen

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Über 90 Prozent der Teilnehmer an der monatlichen Bloomberg-Umfrage rechnen damit, dass die Europäische Zentralbank im kommenden Jahr damit beginnen wird, in großem Umfang Staatsanleihen aufzukaufen. Im November waren erst 57 Prozent der Umfrageteilnehmer dieser Meinung. Eine Ankündigung werde voraussichtlich im ersten Quartal erfolgen, meint die Mehrheit der 55 befragten Volkswirte.

Weniger als sechs Wochen vor der nächsten geldpolitischen Sitzung des EZB-Rates gewinnt Präsident Mario Draghis Versuch, die Gegner von Stimulierungsmaßnahmen in die Ecke zu drängen, neue Dringlichkeit. Dank der fallenden Ölpreise droht dem Euroraum eine Deflation, und die Banken zeigen wenig Neigung, billiges Zentralbankgeld zur Ausweitung der Kreditvergabe zu nutzen.

“Es steht außer Frage, dass die EZB ihre expansiven Maßnahmen ausweiten wird - nur der Zeitplan steht noch nicht fest”, sagte Duncan de Vries, Volkswirt bei der NICB Bank in Den Haag. “Die EZB steht weiterhin unter gewaltigem Druck, ihre Glaubwürdigkeit zu bewahren und ihr Mandat der Preisstabilität zu erfüllen.”

Die Inflation ist im November auf 0,3 Prozent zurückgegangen, das ist das niedrigste Niveau der letzten fünf Jahre. EZB-Chefvolkswirt Peter Praet sagte vorige Woche, die Teuerungsrate könne in den kommenden Monaten negativ werden. Draghi deutete an, dass der Absturz der Ölpreise die EZB-Prognose der eigenen Institution für 2015 - sie lautet auf 0,7 Prozent - um mehr als die Hälfte kürzen dürfte.

Der Präsident will die Inflation in der Eurozone wieder auf den Zielwert von knapp unter 2 Prozent heben und verfolgt dazu die Strategie, die Bilanz der EZB mittels gezielter Langfristkredite an Banken sowie durch den Ankauf von Aktiva um bis zu eine Billion Euro zu verlängern. Drei Viertel der befragten Volkswirte rechnen damit, dass ihm das gelingen wird. Im November trauten ihm das erst 60 Prozent zu.

Alle Aktiva außer Gold kommen in Betracht

Die bislang bekannten Maßnahmen werden nach der mittleren Erwartung der Umfrageteilnehmer die Bilanz bis Ende 2016 um etwa 700 Milliarden Euro ausweiten. Allerdings wird diese Summe durch die Rückzahlung von während der Krise vergebenen Notenbank-Krediten schrumpfen, so dass die EZB, um Draghis Ziel zu erreichen, mit noch anzukündigenden Maßnahmen über 500 Milliarden Euro auftreiben müsste.

Mehr als drei Viertel der Befragten erwarten, dass zu diesen Maßnahmen auch der Ankauf von Unternehmensanleihen gehören wird. Emissionen staatsnaher Emittenten sehen 55 Prozent der Befragten auf der Kaufliste der EZB. Draghi sagte am 4. Dezember, “alle Aktiva außer Gold” kämen in Betracht.

Der Ankauf von Staatsanleihen ist nicht unumstritten. 96 Prozent der Umfrageteilnehmer vermuten, dass einige Ratsmitglieder sich gegen neue Stimulierungsschritte stellen werden. Zu den lautstärksten Opponenten gehören das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger und Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Sie kritisieren, dass damit die Anreize für Strukturanpassungen entkräftet werden.

Weidman: Vorteile einer quantitativen Lockerung überwiegen Nachteile nicht


Am Wochenende bekräftigte Weidmann seine Kritik. Gegenüber den Zeitungen Le Figaro und La Repubblica erklärte er, der Euroraum habe noch nicht den Punkt erreicht, wo die Vorteile einer quantitativen Lockerung die Nachteile überwiegen. Auch wirke der Rückgang der Ölpreise stimulierend.

“Der Prozess wird schwerlich glatt ablaufen”, sagte Alan McQuaid, Chefvolkswirt bei Merrion Capital Group in Dublin. “Deutschland wird sich heftig widersetzen und es gibt keine Garantie, dass die Banken Anleihen ohne attraktive Anreize an die EZB verkaufen werden.”

Howard Archer, Chefvolkswirt Europa bei IHS Global Insight in London, ist davon überzeugt, dass die EZB eindeutig darauf hofft, durch die quantitative Lockerung den Euro weiter zu schwächen. Seit Jahresbeginn hat die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar knapp 10 Prozent abgewertet.

Eine zweite Runde der gezielten langfristigen Kredite (TLTROs), die die Notenbank an Geschäftsbanken herausreichte, blieb vergangene Woche am unteren Ende der Erwartungen der Analysten - ein Zeichen dafür, dass die Finanzinstitute nicht recht sehen, wozu das billige Zentralbankgeld in der schwächelnden Wirtschaft dienen könnte. In ihrer Zurückhaltung könnten sie durch den negativen Einlagensatz noch bestärkt werden, mit dem die EZB überschüssiges Kapital belegt.

Die bestehenden Programme zum Ankauf von Aktiva, die gerade erst anlaufen, dürften über den Jahreswechsel eher schleppend verlaufen. Am 5. Dezember belief sich das Gesamtvolumen der angekauften gedeckten Anleihen auf 20,9 Milliarden Euro; für forderungsbesicherte ABS-Papiere hatte die Notenbank 601 Millionen Euro aufgewendet. Die Daten werden an diesem Montagnachmittag aktualisiert.

Von den Volkswirten, die ein Datum für die Ankündigung einer quantitativen Lockerung nannten, gaben 57 Prozent an, dass sie dies für Ratssitzung am 22. Januar erwarten. Die Umsetzung könne allerdings später beginnen.

“Draghis wichtigste Aufgabe ist es, diese Ankündigung glaubhaft zu gestalten”, sagte Kristian Tödtmann, Volkswirt bei der Dekabank in Frankfurt. “Er muss zeigen, dass die EZB bereit ist, wirklich starke Instrumente einzusetzen.”

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