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CarmignacLesedauer: 5 Minuten
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Wachstum und Geldpolitik Vorsicht bei Anleihen, Growth-Fokus bei Aktien

Schulkinder in China
Schulkinder in China: Die wachsende Ungleichheit bei den Bildungschancen zeigt sich an den horrenden Kosten für Privatunterricht sowie im Preisanstieg bei Immobilien in der Nähe guter Schulen. | Foto: imago images / Xinhua
Gergely Majoros, Carmignac

Chinas jüngste Regulierungsschritte, insbesondere in bestimmten Segmenten der New Economy, sind deutlich restriktiver als zuvor in den Jahren 2015 und 2018. Sie erfolgten in kurzer Zeit und zielen darauf ab, das Ausufern von marktbeherrschenden Monopolstellungen und die damit verbundene Ungleichheit dauerhaft zu korrigieren, da diese Faktoren erhebliche Auswirkungen auf die Wertentwicklungen haben. Ist nun davon auszugehen, dass die chinesischen Behörden die großen Internetfirmen im Namen des angestrebten gemeinsamen Wohlstands oder der strategischen Rivalität zwischen den USA und China im Tech-Bereich auf Dauer schwächen? Werden sie Privateigentum beschneiden und die Rechtsstrukturen („Variable Interest Entities“) verändern, die eingeführt wurden, um Börsengänge chinesischer Firmen im Ausland zu ermöglichen? Nach unserer Überzeugung lautet die Antwort: Nein.

Ein solches Vorgehen stünde in starkem Widerspruch zu den notwendigen und strategischen Bemühungen, die chinesischen Kapitalmärkte schrittweise zu öffnen. Dank der vor einigen Jahren geschaffenen Verbindung („Stock-Connect“) zwischen Hongkong und den chinesischen Festlandbörsen profitierte China bislang von einem kontinuierlichen Investitionsfluss. Dies ist ein entscheidender Schritt im Hinblick auf die Öffnung der chinesischen Märkte. Im Übrigen würde es auch dem langfristigen Ziel zuwiderlaufen, den Yuan zu einer internationalen Reservewährung zu machen.

Die zentrale Kommission für Finanz- und Wirtschaftsangelegenheiten (Central Financial and Economic Affairs Commission) hat vor Kurzem die gesellschaftspolitischen Ziele der Partei näher erläutert. Dabei betonte sie, dass es sich bei den Veränderungen um einen allmählichen Prozess handelt. Die Kommission wolle dafür sorgen, dass das Umfeld für den privaten Sektor in China günstig bleibt. Außerdem bestätigen verschiedene Aussagen der chinesischen Behörden, dass der Finanzplatz Hongkong für China wichtig ist und das Land nicht vorhat, den Notierungen an US-Börsen einen Riegel vorzuschieben.

Maßnahmen im Einklang mit den langfristigen Zielen

Wäre es angesichts des Ausmaßes der aktuellen regulatorischen Maßnahmen nicht notwendig, in den Bewertungsmodellen für chinesische Unternehmen allmählich ein dauerhaft höheres politisches Risiko zu berücksichtigen? Auch davon gehen wir nicht aus.

Die meisten angekündigten Schritte decken sich mit den langfristigen politischen Zielen und Ambitionen der Kommunistischen Partei Chinas. Sie mögen hart erscheinen – im Grunde basieren sie jedoch auf denselben Sorgen, die auch westliche Industrienationen umtreiben. Im Bildungsbereich zeigte sich die keineswegs auf China beschränkte Problematik der wachsenden Ungleichheit bei den Bildungschancen der Kinder in den horrenden Kosten für Privatunterricht oder im Preisanstieg bei Immobilien in der Nähe guter Schulen. Bei den Essenslieferdiensten haben sich die prekären Arbeitsverhältnisse von Millionen freiberuflichen Auslieferern zu einem sozialen Problem entwickelt.

Aktienkurse geraten unter Druck, Markt bleibt aber interessant

Die aktuelle Regulierungswelle hat dazu geführt, dass die Kursentwicklung bestimmter Unternehmen aus Chinas New Economy erheblich von der US-amerikanischen Technologiebranche abweicht. So fiel der Nasdaq Golden Dragon China Index, in dem einige führende Unternehmen der chinesischen Tech-Branche enthalten sind, in den ersten acht Monaten des Jahres um 27 Prozent. Der Nasdaq Composite Index stieg im gleichen Zeitraum um 18 Prozent.

Es gerieten sogar Branchen unter Druck, die nicht unmittelbar im Visier der neuen Maßnahmen stehen. So verloren beispielsweise auch Anbieter von Cloud-Dienstleistungen oder Betreiber von Rechenzentren einen großen Teil ihrer Marktkapitalisierung. Das bedeutet, dass viele Unternehmen nun gegenüber ihren historischen Kennzahlen und vergleichbaren US-Unternehmen sehr attraktive Bewertungen aufweisen.

Aus all diesen Gründen kann man aus unserer Sicht auf jeden Fall weiter in China investieren – unter der Voraussetzung, dass man sich selektiv positioniert. Wir halten daher an unserer überzeugungsbasierten Auswahl an Titeln aus der chinesischen New Economy fest. Unser Ansatz basiert weiterhin auf der Ermittlung von Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial, die gut geführt sind, solide Bilanzen aufweisen und von langfristigen Trends profitieren.

Angesichts der Frequenz und der Tonalität jüngster Ankündigungen gehen wir immer stärker davon aus, dass das neue regulatorische Umfeld mit der Zeit klarer werden dürfte. Dann können Anleger die neuen Informationen nach und nach in die Bewertungen aufnehmen und selbst beurteilen, wie attraktiv diese Unternehmen tatsächlich sind.

Anleihemärkte derzeit richtungslos

Die Renditen an den Anleihemärkten sind seit Anfang des Sommers rückläufig. Doch ist es angebracht, sich in den kommenden Monaten weiterhin für sinkende Renditen zu positionieren? Davon sind wir nicht überzeugt.

Die erwartete Erholung auf dem US-Arbeitsmarkt könnte auf längere Sicht zu einem deutlichen Anstieg der Löhne insbesondere von gering qualifizierten Arbeitnehmern führen. Darüber hinaus dürften die Preise verschiedener Güter und Dienstleistungen, die für die Berechnung der monatlichen Inflationszahlen eine wichtige Rolle spielen, ansteigen und anstelle der Lieferkettenunterbrechungen die Preise treiben. Das gilt beispielsweise für die Mieten, die 40 Prozent des Warenkorbs ausmachen. Der Inflationsanstieg dürfte sich somit fortsetzen.

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