Zehn Jahre nach Lehman-Pleite Die Lage ist alles andere als stabil

15. September 2008: Ein Mitarbeiter der Investmentbank Lehman Brothers verlässt nach dem Bankrott seines Arbeitgebers den Unternehmenssitz in New York.  | © Getty Images

15. September 2008: Ein Mitarbeiter der Investmentbank Lehman Brothers verlässt nach dem Bankrott seines Arbeitgebers den Unternehmenssitz in New York. Foto: Getty Images

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Thomas Kruse, Investmentchef von Amundi Deutschland

Zehn Jahre nach dem Lehman-Zusammenbruch und dem Beginn der schwersten Finanzkrise seit den 1930er Jahren bietet sich ein Rückblick an. Aus unserer Sicht gibt es bis zum heutigen Tag auffällige Nachwirkungen der Krise die den Herbst des Jahres 2018 prägen. Daraus ergeben sich verschiedene Konsequenzen für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft und die Finanzmärkte.

Vier Auffälligkeiten im zehnten Jahr nach der Finanzkrise

Verpasster Schuldenabbau: Obwohl der aktuelle Konjunkturzyklus zu den historisch längsten zählt, fällt in den Blick: Einer säkularen Stagnation, geprägt von anhaltend niedrigem Wachstum und geringer Investitionstätigkeit, steht eine massive Verschuldung gegenüber. Auch wenn die Schuldenaufnahme von Staaten, Unternehmen und Verbrauchern in Teilen leicht rückläufig sein mag, findet ein konsequenter oder auch nur nennenswerter Schuldenabbau nicht statt.

Liquiditäts-Paradox: Trotz einer historisch einmaligen Flutung der Märkte mit Geld und einer gewaltigen Ausdehnung der Zentralbankbilanzen gibt es Anzeichen einer zurückgehenden Marktliquidität. So haben beispielsweise bei Hochzinsanleihen in zunehmendem Maß Privatanleger die ursprünglich institutionellen Anleger abgelöst. Den Regulierern war es im Zuge der Finanzkrise ein wichtiges Anliegen, Banken den Weg zu allzu riskanten Manövern am Markt zu erschweren. Ihre Liquidität und Solvenz sollte zum Schutz ihrer Kunden gewährleistet bleiben. Doch die Risiken liegen jetzt woanders: Auf Seiten der Privatanleger, die zum Teil mit geliehenem Geld an den Märkten aktiv sind. Diese gehen im Fall einer neuen Krise wie selbstverständlich davon aus, dass die Notenbanken es auch diesmal – genau wie im Jahr 2008 – wieder richten werden.

Stimuli mit Nebeneffekten: Ob die Therapie, den Märkten mittels gigantischer geldpolitischer Maßnahmen auf die Beine zu helfen, nachhaltige Wirkung zeigt, bleibt unsicher. Klassische Inflation will sich nicht zeigen – die Zentralbanken hatten bislang Mühe, ihren Zielkorridor von 2 Prozent Inflation zu erreichen. Stattdessen zeigt sich eine (unbeabsichtigte) Asset-Price-Inflation.

Zwei Folgen könnten die nun seit zehn Jahren anhaltenden Stützungsmaßnahmen an den Märkten haben: Einerseits könnte sich auf lange Sicht ein nur geringes Wachstum und folglich niedrige Inflation einstellen. Auf der anderen Seite wäre eine neue, von Innovationen getriebene Konjunkturphase denkbar, die nur durch gelegentliche Fehlallokationen von Investitionskapital getrübt wird. Für Investoren ist von entscheidender Bedeutung, welches Szenario sich durchsetzt: Im erstgenannten Fall dürften die Aktienmärkte zwar langfristig wachsen, die Investoren müssten sich jedoch mit überschaubaren Renditen zufriedengeben.

Im zweiten Fall würden Aktien obenauf sein, weil Unternehmen aufgrund neuer Produkte und Dienstleistungen hohe Gewinne einfahren. Wir gehen allerdings davon aus, dass das erste Szenario eine deutlich höhere Eintrittswahrscheinlichkeit hat.

Die Stabilität ist ungewiss und hat sich nicht erhöht: Die sozialen und politischen Folgen der Finanzkrise halten unverändert an. Die hohe Arbeitslosigkeit, insbesondere bei jüngeren und fachlich unzureichend qualifizierten Menschen, ist nur langsam zurückgegangen. Trotz der hohen Beschäftigungsquoten in den USA und der Eurozone entwickelt sich die Lohninflation hier nur schwach. Da sich die Finanzmärkte erholt haben, nicht jedoch die Volkswirtschaften in ihrer Breite, stehen die Auswirkungen von Finanzkrise und Rettungsmaßnahmen aus sozialer Perspektive in einem ungünstigen Licht.