Stephan Albrech ist Vorstand der Albrech & Cie. Vermögensverwaltung.

Stephan Albrech ist Vorstand der Albrech & Cie. Vermögensverwaltung.

Jahresausblick 2016

„Setzen Sie auf Strategien statt auf die Glaskugel!“

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Schon die alten Römer brachten es auf den Punkt: Errare humanum est – auf Deutsch: Irren ist menschlich. Wahrscheinlich hatten sie nicht nur ihre Fehlbarkeit im Blick, sondern wunderten sich auch über die Prognosemethoden noch älterer Kulturen.

So wühlten im Babylon des 2. Jahrtausends vor Christus spezialisierte Priester, die Baru, im Gedärm frisch geschlachteter Schafe, um die Zukunft vorherzusagen. Dabei gaben sie sich alle Mühe, ihre Erkenntnis zu systematisieren: Sie teilten die Gedärme in 63 (!) Zonen auf, aus denen sich unterschiedlich sichere Prognosen ableiten ließen. Wer's nicht glaubt: Im Britischen Museum findet sich ein Tonmodell aus jener Zeit, um die Innereien zu interpretieren.

Wir lesen noch immer Kaffeesatz


Vielleicht fragen sich kritische Leser, was diese frühe Form des Kaffeesatz-Lesens mit unseren neuzeitlichen Methoden zu tun hat – etwa der Konjunkturprognose als Basis für Investitionen an der Börse oder der fundamentalen Auswahl von Aktien, die im nächsten Jahr besonders gute Aussichten haben sollen.

Halten wir's mit den alten Römern und bringen es auf den Punkt: Die neuen Methoden sind kaum verlässlicher als die alten – einer wissenschaftlichen Überprüfung halten sie nicht stand.

Inzwischen belegen zahllose Untersuchungen: Es ist unmöglich, die Entwicklung an den Finanzmärkten auf Sicht von ein bis zwei Jahren verlässlich vorherzusagen. Zwar wird es immer Experten geben, die (durch Zufall) richtig liegen. Doch wer heute top ist, wird wahrscheinlich morgen zum Flop!

In der Schreckenskammer der Auguren

Das Problem ist: Die Baru von heute, die an der Wall Street und anderen Börsen in die Zukunft spähen, können mit den häufigen falschen Vorhersagen viel Schaden bei gutgläubigen Anlegern anrichten. Ein Blick in die Schreckenskammer der Prognostiker:

  • Am 13. August 1982, nach einem 14-jährigen Bärenmarkt, zitierte das „Wall Street Journal“ einen Börsenhändler nach dem anderen, der die Zukunft von Dividendentiteln extrem düster malte. Die Ironie: An diesem Tag begann die größte Aktienhausse der Geschichte, die 18 Jahre lang andauerte. Wer den vielen Experten vertraute, die pessimistisch blieben, verpasste etliche Jahre mit exorbitanten Börsengewinnen.
  • 1998 riss der Hedge Fonds Long Term Capital Management das Weltfinanzsystem beinahe in der Abgrund, weil er das Kapital von rund einer Milliarde Dollar mit einem Hebel von fast 100 – also faktisch 100 Milliarden – bewegte. Grund dieser unglaublichen Selbstüberschätzung: Die geistigen Väter des Projekts, unter ihnen Nobelpreisträger, waren so überzeugt von ihrer Fähigkeit, Risiken mathematisch korrekt einzuschätzen, dass sie jeglichen Zweifel fahren ließen. Leider hielten sich die Märkte nicht an ihre Mathematik, und die US-Notenbank musste intervenieren.

Immobilienblase überfordert Experten

Der jüngste Beweis, dass die allermeisten Experten auch als Gruppe einen Zug selbst dann nicht sehen, wenn er direkt in ihre Richtung rast, lieferte die Finanzkrise im Jahr 2008. Ausgelöst von der größten Immobilienblase in den USA, führte sie zu extremer Überschuldung vieler Haushalte und ließ Hunderte von Banken zusammenbrechen. Selbst als sich die Lage dramatisch zuspitzte, beschwichtigten viele Fachleute: Von einer Blase könne keine Rede sein – inzwischen wissen wir es besser!

Mit Strategien gegen den Meinungs-Overkill

Man könnte mit anderen Beispielen fortfahren, doch wichtig ist, dass Sie die Botschaft verstehen: Wenn Sie schon Prognosen lesen wollen, dann betrachten sie sie als das, was sie sind: als Meinungen – und handeln Sie nicht danach! Noch wichtiger aber wäre, dass Sie beginnen, nach einer oder mehreren erfolgversprechenden Strategien anzulegen.

Zwei Fragen sollten Sie bei deren Auswahl beachten: Haben diese Strategien in der Vergangenheit funktioniert, also ein gutes Rendite-Risiko-Verhältnis gehabt? Und: Welche Gründe sprechen dafür bzw. dagegen, dass dies künftig auch der Fall sein wird?

Doch das ist ein Thema für eine andere Kolumne. Bis dahin wünsche ich Ihnen einen erfolgreiches 2016!

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