Mathematiker hat untersucht „Regt die Finanztransaktionssteuer zum Zocken an?“

Schachweltmeister Magnus Carlsen (li.) und Sesamstraßenbewohner Bert während eines Freundschaftsspiels im niederländischen Hilversum. Im Rahmen der Spieltheorie sind unter anderem die Entscheidungssituationen beim Schach untersucht worden. | © Getty Images

Schachweltmeister Magnus Carlsen (li.) und Sesamstraßenbewohner Bert während eines Freundschaftsspiels im niederländischen Hilversum. Im Rahmen der Spieltheorie sind unter anderem die Entscheidungssituationen beim Schach untersucht worden. Foto: Getty Images

Ingo Althöfer

Mathematikprofessor Ingo Althöfer von der Universität Jena trifft auf Basis eines spieltheoretischen Rechenmodells eine ungewöhnliche Aussage: Der Berechnung zufolge werden zwei Spieler, die gegeneinander antreten, zu höheren Einsätzen animiert, sobald der Gewinner eine Steuer abführen muss. Das Ergebnis haben Althöfer und seine Forscherkollegin Marlis Bärthel auch auf die Finanztransaktionssteuer übertragen, die in der Großen Koalition aktuell wieder zur Debatte steht.

DAS INVESTMENT: Sie sagen, dass zwei Akteure mit höheren Einsätze spielen, wenn eine Steuer ins Spiel kommt. Das würde auch bedeuten, dass eine Finanztransaktionssteuer eher zum Zocken anregt, als dass sie den Finanzhandel beruhigt, richtig?

Ingo Althöfer: Unser Matrixspiel-Modell nimmt folgende Situation an: Zwei Leute verhandeln miteinander. Beide müssen gleichzeitig etwas tun. Je nachdem, was der eine und der andere macht, ist der eine Gewinner und der andere Verlierer. Unsere Beobachtung war in der Tat: Es gehen im Durchschnitt größere Beträge über den Tisch, wenn man den Gewinner besteuert. Es wird dann also quasi mehr gezockt.

Erläutern Sie mal bitte zumindest im Ansatz, wie Sie das untersucht haben.

Althöfer: Wir bauen auf den Satz von Nash innerhalb der Spieltheorie auf. Wenn man ein sogenanntes Matrixspiel hat, bei dem zwei Spieler gegeneinander spielen und beide endlich viele Möglichkeiten haben, dann müssen die Spieler oft gemischte Strategien spielen. Das heißt: Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie dieses machen und eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie jenes machen. Man kann optimale Strategien finden, nach denen jeder von ihnen handeln sollte. Meine Mitarbeiterin Dr. Marlis Bärthel hat ein Beispielszenario mal in einem Science Slam vorgestellt.

Eine Finanztransaktionssteuer ist im Gespräch, weil man sich von ihr ein verantwortungsvolleres Handeln an den Finanzmärkten erhofft. Die Steuer soll bewirken, dass weniger kurzfristig spekuliert wird.

Althöfer: Das ist allerdings ein Problem bei unserem Modell: Spekulation kommt hier nicht vor. An der Börse gibt es zum Beispiel High-Frequency-Trader. Sie nutzen Ungleichgewichte aus und handeln innerhalb von Millisekunden. So etwas gibt es in unserem Modell nicht, es spielen hier nur zwei Spieler gegeneinander, und das nur genau ein Mal. Hochfrequenzhändler spielen dagegen gegen die Allgemeinheit aller anderen, und zwar ganz oft.