Nach dem schwarzen Donnerstag in der Schweiz

Banken stehen vor „Milliardenverlusten“

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Geschätzt 400 Millionen Dollar an Verlusten haben Citigroup Inc., Deutsche Bank AG und Barclays Plc zusammen angehäuft, nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) überraschend ihren Mindestkurs für den Euro aufgegeben hatte. Doch die Auswirkungen der Entscheidung dürften in den kommenden Tagen auch noch weitere Banken erfassen.

„Es wird Milliardenverluste geben - derzeit wird ihre Höhe noch errechnet”, sagte Mark T. Williams, Spezialist für Risikomanagement an der Universität Boston. „Betroffen sind große Banken, Brokerhäuser, Hedgefonds, Investmentfonds und Devisenspekulanten.Die Auswirkungen werden im gesamten Finanzsystem zu spüren sein.”

Citigroup, der weltgrößte Devisenhändler, habe an den Handelstischen mehr als 150 Millionen Dollar verloren, sagte eine Person, die mit den Vorgängen vertraut ist. Wie weiter zu erfahren war, soll die Deutsche Bank 120 Millionen Dollar eingebüßt haben, bei Barclays seien es unter 100 Millionen Dollar gewesen. Nachdem die SNB am vergangenen Donnerstag ihren Mindestkurs für den Euro aufgegeben hatte, war der Franken an dem Tag um bis 41 Prozent gegenüber dem Euro in die Höhe geschossen. Sprecher der drei Banken wollten sich dazu nicht äußern.

Der Hedgefondsmanager Marko Dimitrijevic hat informierten Kreisen zufolge seinen größten Fonds geschlossen, nachdem praktisch das gesamte Anlagekapital durch die SNB-Entscheidung verloren ging. Ende 2014 hatte der Fonds ein Volumen von rund 830 Millionen Dollar.

FXCM Inc., der größte Devisenmakler für Privatkunden in den USA, erhielt eine Liquiditätsspritze über 300 Millionen Dollar von Leucadia National Corp. Zuvor hatte FXCM gewarnt, die Verluste der Kunden gefährdeten die Kapitalbasis.

Den Franken leer zu verkaufen, war eine beliebte Handelsstrategie, und die meisten Akteure hatten ihre Positionen über Kredite gut 20-fach ausgeweitet, wie Williams berichtete. Bei einer solchen Leverage radiert eine Bewegung von fünf Prozent gegen die Position den gesamten Wert aus. Dennoch galt die Handelsstrategie als relativ risikoarm nach den Modellen der Finanzfirmen, weil die Volatilität des Franken durch den Mindestkurs für den Euro, beziehungsweise Frankendeckel der SNB als begrenzt galt, so Williams.

Bei Citigroup lag der gesamte sogenannte Value-at-Risk (VAR) im Handel - der mögliche Handelsverlust an einem Tag - im dritten Quartal bei 105 Millionen Dollar. Davon entfielen 32 Millionen Dollar auf Risiken bei Devisengeschäften. Bei der Deutschen Bank betrug der durchschnittliche VAR in einer Stress-Situation bei Marktturbulenzen in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 109 Millionen Euro. Hierbei bezogen sich 27 Millionen Euro auf Devisenrisiken.

„Die Verluste der Banken sind nicht groß. Aber was das deutlich macht ist, dass sie immer noch Glücksspiel betreiben mit dem Eingehen von Positionen”, sagte Gordon Kerr, Berater bei Cobden Partners in London und ein früherer Banker. Die Gesellschaft berät Regierungen. „Broker, die Geld verloren haben werden sich Sorgen machen, ihre Kunden zu verlieren, und vor einem Abfluss an Liquidität zu stehen”.

Auch ihre Prime-Broker-Tätigkeit für Hedgefonds könnte den Banken Probleme bereiten. Hierbei übernehmen die Banken unter anderem Wertpapierleihe, Handelsausführung, und Cash-Management für Hedgefonds. Die Verluste von Citigroup seien ohne Verbindung zur Beziehung zum Retail-Broker FXCM und anderen Handelsplattformen für Privatanleger, sagte die informierte Person weiter.

Die Schweizer Banken, die bislang keine Zahlen zu Verlusten bekannt gegeben haben, werden nach Einschätzung von Arturo Bris, Professor an der IMD Business School in Lausanne, längerfristig wahrscheinlich ebenfalls leiden. „Die negativen Auswirkungen für die Schweizer Banken kommen auf zwei Wegen”, sagte Bris. „Zum einen wird es den Zufluss von Geldern von außerhalb bremsen und den Abzug von Geldern aus der Schweiz in andere Länder fördern. Zum zweiten werden sie durch die negativen Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft getroffen werden.”

Die Belastungen durch falsch gelaufene Wetten bleiben möglicherweise nicht nur auf die Finanzbranche beschränkt. „Derzeit hören wir nur etwas über die Finanzinstitute”, sagte Philip Guarco, weltweiter Leiter Strategie Festverzinsliche bei JPMorgan Private Bank in New York im Interview mit Bloomberg Television. „Erinnern wir uns daran, was 2009 geschah, als der Dollar eine Rally hinlegte. Es gab große Unternehmen in Mexiko und Brasilien, deren Finanzabteilungen Devisenpositionen eingegangen waren.” Daher sei das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht.

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