Smart Cities Wie das Stadtleben auf den Kopf gestellt wird

Carlo Ratti, Professor beim Massachusetts Institute of Technology in Boston: „Das Zusammenwachsen der digitalen und der physischen Welt verändert unser Leben, und wenn sich das Leben verändert, müssen sich auch die Städte verändern.“ | © Getty Images

Carlo Ratti, Professor beim Massachusetts Institute of Technology in Boston: „Das Zusammenwachsen der digitalen und der physischen Welt verändert unser Leben, und wenn sich das Leben verändert, müssen sich auch die Städte verändern.“ Foto: Getty Images

„Das sind spannende Zeiten für die Städte“, findet Carlo Ratti, Leiter des Senseable City Lab des MIT und Mitbegründer des Architekturbüros Carlo Ratti Associati. Obwohl Städte nur 2 Prozent der Erdoberfläche einnehmen, beherbergen sie mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung und sind für 75 Prozent des Energieverbrauchs und 80 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Die Digitaltechnologie, die viele traditionelle Dimensionen des städtischen Lebens auf den Kopf stellt, hat eine Welle der Innovation ausgelöst, um den Anforderungen moderner Städte gerecht zu werden.

Quellen: UN, Mai 2018; Weltbank, 2018

In den letzten zehn Jahren haben Digitaltechnologien unsere Städte überschwemmt, sie radikal verändert und neue Möglichkeiten zur Verbesserung der städtischen Mobilität und der Arbeitswelt geschaffen. Das enorme Wachstum der Verfügbarkeit von Echtzeitdaten und das Zusammenwachsen der digitalen und der physischen Welt durch das Internet der Dinge eröffnen Möglichkeiten, Städte so zu gestalten, dass sie den Anforderungen ihrer Bewohner besser gerecht werden.

Carsharing boomt weltweit

„Dieser Prozess der Innovation wird oft als Schaffung smarter Städte bezeichnet, aber ich mag den Begriff nicht so gern, weil ihm die menschliche Dimension fehlt“, sagt Ratti. „Deshalb haben wir unsere Forschungseinheit beim MIT auch Senseable City Laboratory genannt. Dieses Labor hat die Aufgabe zu erforschen, wie Digitaltechnologien Einfluss auf die physische Welt nehmen, und die Folgen für die Stadtbewohner zu antizipieren.“

Städtische Mobilität ist einer der Aspekte des Stadtlebens, die enorm von der Fülle an Echtzeitdaten profitieren könnten. Aus Kraftfahrzeugen wird so etwas wie ein Computer auf Rädern, standardmäßig ausgestattet mit Tausenden von Sensoren, die Hochfrequenzsignale aussenden und eine Vielzahl von Informationen über Fahrer und Straßen bereitstellen.

Anhand dieser Daten lässt sich herausfinden, wofür die Fahrzeuge genutzt werden und ob vielleicht weniger Fahrten nötig sind, sodass sich die Anzahl der Fahrzeuge auf der Straße reduzieren ließe.

Verkehrsdaten der Stadt New York, die in HubCap eingespeist wurden, einem vom Senseable City Lab und Audi entwickelten interaktiven Visualisierungstool, haben gezeigt, dass die lizenzierten Taxis der Stadt im Jahr 2011 150 Millionen Taxifahrten unternommen haben. Die Daten beinhalteten die GPS-Koordinaten aller Aufnahme- und Zielpunkte und die entsprechenden Fahrzeiten, und das Forschungsteam hat bei seinen Analysen herausgefunden, dass viele Fahrten durch Sammelfahrten hätten konsolidiert werden können.

„Durch Sammelfahrten wären alle Fahrgäste zu derselben Zeit am Zielort angekommen, plus minus ein paar Minuten, und dafür wären 40 Prozent weniger Fahrzeuge nötig gewesen. Die New York Times meinte dazu, kein New Yorker würde jemals mit einem anderen New Yorker überhaupt etwas teilen, schon gar nicht ein Auto. Die von Uber nach Einführung seines Uberpool Carsharing-Service in San Francisco gesammelten Daten belegen, dass dieser von 50 Prozent der Nutzer in Anspruch genommen wird – und jetzt gibt es den Service auch in New York und anderswo auf der Welt.“

Revolution der städtischen Mobilität und der Arbeitsräume

Die Kunden zahlen weniger, weil die Kosten pro Person, die am Carsharing teilnimmt, niedriger sind. Dadurch werden der Verkehr, der Energieverbrauch und die Verschmutzung auf den Straßen reduziert. Mit selbstfahrenden Fahrzeugen, die noch mehr leistungsstarke Rechenleistung haben, könnte sogar noch viel mehr eingespart werden. „Autos werden im Durchschnitt nur 4 Prozent tatsächlich gefahren, die übrigen 96 Prozent sind sie irgendwo geparkt. Selbstfahrende Autos aber könnten Sie morgens ins Büro bringen und dann von anderen Familienmitgliedern, Freunden oder Nachbarn genutzt werden, während Sie auf der Arbeit sind. Dadurch ließe sich der prozentuale Anteil der Zeit, in der Autos tatsächlich gefahren werden, erhöhen: Wir schätzen, dass durch Sammelfahrten und Carsharing die Anzahl der Autos auf städtischen Verkehrswegen um 80 Prozent reduziert werden könnte. Wenn erst einmal voll autonome Fahrzeuge in Verkehr gebracht werden, hätte das weitere Vorteile für die Mobilität. Jedes Fahrzeug wüsste genau, wo die anderen Fahrzeuge in der Nähe gerade unterwegs sind. Es wären weniger Stopps an Kreuzungen nötig, weil sie durch Digitaltechnologien schneller durch den Verkehr geleitet würden. Dadurch käme es zu weniger Staus, die häufig Ursache für Unfälle sind.