Stefan Lecher: „Kurzfristiges Timing ist unmöglich“

Stefan Lecher ist Chefstratege bei UBS Global Asset Management. Foto: Anna Mutter

Stefan Lecher ist Chefstratege bei UBS Global Asset Management. Foto: Anna Mutter

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DAS INVESTMENT: Mit Gary Brinson hat ein Pionier der vermögensverwaltenden Investmentfonds aus den 80er Jahren bei UBS gearbeitet. Welcher Fonds kommt seiner Lehre am nächsten?

Stefan Lecher:
Das ist der Global Allocation Fund. Brinson hat die Strategie im November 1981 in den USA gegründet und war bis 2000 verantwortlich.

Was ist danach neu hinzugekommen?

Lecher:
Wir haben stark in Modelle investiert, mit denen wir das Marktverhalten besser analysieren können. Es ist wichtig, die Psychologie zu verstehen, die hinter Kursverhalten steckt. Und das versuchen wir damit. Wir schauen uns auchdie großen Geldflüsse am Markt an. Wo geht das Geld hin? Was machen Politik und Zentralbanken? Gleich geblieben ist dagegen die Philosophie, dass wir günstig kaufen und teuer verkaufen wollen. Wir ermitteln für alles einen fairen Wert und gehen davon aus, dass der Marktpreis sich irgendwann diesem Wert annähern wird. Dafür braucht man aber Geduld, das kann mitunter Jahre dauern.

Mittelflüsse anschauen ist schön und gut, aber was machen Sie daraus?

Lecher:
Im Idealfall liegen alle anderen Anleger bei einer bestimmten Asset-Klasse hinter uns beziehungsweise steigen erst nach uns ein. Wenn schon alle weitgehend investiert sind, ist es meistens schon wieder Zeit auszusteigen.

Eine Regel besagt, dass man den Markt nicht timen kann.

Lecher:
Es gibt viele Arten von Timing über verschiedene Zeiträume. Kurzfristiges Timing halte auch ich für nahezu unmöglich. Unsere Positionen laufen mindestens drei Monate, können aber auch bis zu vier Jahre dauern. Bevor wir kaufen, prüfen wir über die bereits genannten Indikatoren, ob es sich lohnt. Und wir achten darauf, dass sich die Positionen so ergänzen, dass das Gesamtrisiko sinkt. Das alles hat mit Markt-Timing im klassischen Sinne nicht allzu viel zu tun.

Es ist jetzt wohl Zeit für ein Beispiel.

Lecher:
Wir sind seit Anfang 2012 in europäischen Aktien übergewichtet und in amerikanischen Aktien untergewichtet.

Was in der Tat nicht gerade der gängigen Marktmeinung entspricht.

Lecher:
Genau. Es ist für uns kein kurzfristiges Manöver, sondern eine Meinung mit einem Zeithorizont von drei Jahren. Wir haben festgestellt, dass europäische Aktien rund 30 Prozent günstiger sind als etwa der S&P 500.

Für die Amerikaner sind aber die Wirtschaftsaussichten besser, was einen Aufpreis für Aktien rechtfertigen könnte.

Lecher:
Das war tatsächlich der Grund für enorme Geldflüsse in Richtung USA, die wir beobachtet haben. Wir teilen diese Meinung aber nicht. Beide Wirtschaftsregionen haben Probleme, aber beide Zentralbanken verfolgen auch eine für Aktien günstige Geldpolitik. Sollte also irgendwann wieder etwas mehr Ruhe an den Märkten einkehren, erwarten wir, dass sich die Bewertungsschere zumindest halbiert.