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Umwelt- und Finanz-Experte Peter Grassmann zur globalen Wirtschaftslage: Nachhaltigkeit braucht Zwang

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DAS INVESTMENT.com: Es bringt also nichts, bei Nachhaltigkeit auf die Selbstregulierungskräfte der Märkte zu setzen?

Grassmann: Nein, nicht allein. Freie Märkte können viel, aber nicht alles. Nachhaltigkeit und Orientierung an langfristigen Zielen sind nicht ihre Stärke. Es müssen Regelungssysteme geschaffen werden, die einen Ordnungsrahmen für nachhaltiges Wirtschaften schaffen.

DAS INVESTMENT.com: Wie könnten diese aussehen?

Grassmann: Zuerst müssen wir verstehen, dass die großen Probleme global sind. Klimakreisläufe, Luft, Wasser, das sind weltweite Gemeinschaftsgüter. In einer globalen Wirtschaft, wie wir sie jetzt erleben, sind Nationalstaaten weitgehend machtlos, der Staat kann da nicht alles regeln. Wichtige Impulse müssten deshalb von der Wirtschaft selbst kommen, von der Zivilgesellschaft begleitet und von regionalen Grenzen unabhängiger sein. So müsste sich jede Branche länderübergreifend – zum Beispiel europaweit - zur Einhaltung bestimmter Normen wie Umweltfreundlichkeit, ethische Standards, Jugendschutz verpflichten. Dazu müsste je nach Branche ein nationaler oder auch ein internationaler Wertekodex entwickelt werden, der all dies zusammenfasst. Auch die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind bei der Definition dieses Branchenkodex gefragt. Nur aus solchem Dialog entsteht der notwendige Tiefgang.

DAS INVESTMENT.com: Freiwillige Selbstverpflichtungen gibt es bereits in vielen Branchen. Eingehalten werden sie aber meistens nicht.

Grassmann: Das liegt an der Freiwilligkeit. Wenn eine Bank ihre Tresore offen lässt, braucht sie sich nicht wundern, dass geklaut wird. Ein Ordnungsrahmen braucht Zwang. Im medizinisch-pharmazeutischen sowie im Lebensmittel-Bereich haben wir ja auch Richtlinien, deren Nichteinhaltung sanktioniert wird. Das System ist also schon da. Es müsste nur noch auf die Nachhaltigkeitsthemen der Gesamtwirtschaft übertragen werden. Das braucht den Anstoß durch ein europäisches Rahmengesetz.