Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

Wachtendorf-Kolumne

Vergleichsportale: Der Stress mit dem Wahl-Knopf

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Alles wird besser, aber nichts wird gut? Diesen Eindruck kann – frei nach einem Song der DDR-Rockgruppe Silly – bekommen, wer eine aktuelle You-Gov-Umfrage studiert. Demzufolge trauern 41 Prozent der befragten Bundesbürger früheren Zeiten hinterher. Kaum überraschen kann dabei, dass sich die Über-60-Jährigen tendenziell eher die 70er und die 30- bis 39-Jährigen eher die 90er Jahre zurückwünschen. Der große Rest der Möchtegern-Gegenwartsflüchtlinge schwärmt für die 80er.

Dafür, dass der Anteil der Menschen, für die früher alles besser war, seit Jahren steigt, gibt es sicher mannigfache Gründe. Von denen viele allerdings trügerisch sind, wie „Der Spiegel“ in seiner Rubrik Früher war alles schlechter Woche für Woche belegt. So gab es 2015 auf der Welt nicht annähernd so viele Kriegstote wie in den 80er Jahren, Fliegen war damals deutlich gefährlicher als heute, und auch die Zahl der Verletzten bei Schulhof-Prügeleien ist deutlich rückläufig.

Zu einem großen Teil ist es der mediale Overkill, der die heutige Zeit so unsicher und die kuscheligen 80er so verlockend erscheinen lässt. Jedes noch so kleine, in früheren Jahrzehnten schlicht gar nicht zur Kenntnis genommene Ereignis bahnt sich seinen Weg auf den Bildschirm des unverzichtbar gewordenen Smartphones und in die sozialen Netzwerke. Das verursacht nicht selten Stress, gegen den es aber ein Mittel gibt: den Aus-Knopf.

Schwieriger ist es da schon, sich gegen eine andere Geißel der Moderne zur Wehr zu setzen, die auf den ersten Blick durchaus als Verbesserung durchgehen könnte – die Chance, in fast jeder Lebenslage und meist ebenfalls auf Knopfdruck zwischen einer Vielzahl von Möglichkeiten wählen zu können. Das fängt beim Fernsehen – früher gab es drei Programme, heute mehr als 400 – an und hört bei den Tarifen fürs mobile Telefonieren längst nicht auf. Für Menschen, die schon beim Bestellen im Schnellrestaurant Mühe haben, sich für ein bestimmtes Menü zu entscheiden, eine beinahe unüberwindliche Hürde.

Auch in der Finanzbranche wäre weniger manchmal mehr – davon bekommt eine Vorstellung, wer einmal versucht hat, über ein Vergleichs-Portal wie Check 24 unter Berücksichtigung von individuellen Schadensfreiheitsklassen in der KFZ-Versicherung auf eigene Faust die optimale Tarif-Kombination zwischen Erst- und Zweitwagen zu finden, wenn eines der beiden Fahrzeuge außer von der eigenen Ehefrau auch von einem 18-jährigen Fahranfänger bewegt werden soll und nachts keine abschließbare Garage zur Verfügung steht. Das sind die Momente, in denen sich auch Westdeutsche ein Stück weit die DDR zurückwünschen.

Was das alles mit Fonds zu tun hat? Nun, auch dort ist die Zahl der Angebote explosionsartig gewachsen, von rund 200 Ende der 80er Jahre auf mehr als 10.000. Und natürlich bieten auch hier zahlreiche Vergleichs-Portale und andere Fintech-Unternehmen die Möglichkeit, aus dem unüberschaubaren Wust die allem Anschein nach passenden Fonds herauszusuchen und per Mausklick zu ordern. Für manche ein echte Innovation, für andere wiederum eine hoffnungslose Überforderung oder vielleicht sogar eine Gefahr. Fortschritt eben. Und schon allein deshalb ein Grund, mit etwas Wehmut auf vergangene Zeiten ohne Wahl-Knopf zu blicken. Nicht, weil sie besser waren. Sondern beschränkter und damit ganz einfach simpler.

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