Agnes Deng; Foto: Tom Hönig

Agnes Deng; Foto: Tom Hönig

Agnes Deng: „Chinas Wirtschaft wird unabhängiger“

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DAS INVESTMENT.com: Haben Sie Knoblauch im Portfolio?

Agnes Deng: Nein.

DAS INVESTMENT.com: Grüne Bohnen?

Deng: Nein.

DAS INVESTMENT.com: Der Preis für Knoblauch ist in China in den vergangenen Monaten um das 50-Fache gestiegen. Ein Kilo grüne Bohnen ist dreimal so teuer wie noch vor wenigen Wochen. Hat China eine Gemüseblase?

Deng: Nicht auszuschließen. Derartige Preisexplosionen sind natürlich künstlicher Natur. Da kauft jemand Märkte leer, mietet Lagerhallen an und hofft auf das schnelle Geld.

DAS INVESTMENT.com: Gleichzeitig hat sich der chinesische Aktienmarkt 2010 weniger freundlich entwickelt als andere asiatische Börsen. China war auch der schwächste Markt des Bric-Quartetts. Wie passt diese Entwicklung zum Kampf um die Knoblauchknolle?

Deng: Chinesische Anleger sind verunsichert, und vielfach fehlt ihnen auch noch das Verständnis für globale Zusammenhänge. Griechenland und die Europäische Union sind für sie sehr weit weg. Dass Probleme dort bei ihnen zu Hause zu Kursverlusten führen, war eine neue Erfahrung. Viele haben daher den Aktienmarkt gemieden.

DAS INVESTMENT.com: Vor der Krise galten die Unmengen von Fahrrädern vor Internetcafés als sicherer Indikator für regen Aktienhandel und steigende Kurse.

Deng: Heute stehen eindeutig weniger Fahrräder vor den Cafés.

DAS INVESTMENT.com: Auch ausländische Investoren haben sich zurückgehalten.

Deng: Richtig. Es hingen 2010 viele Sorgenwolken über dem chinesischen Markt. Das Auslaufen der Konjunkturhilfen, die allgemein schlechte Lage der Weltwirtschaft, die Situation am chinesischen Immobilienmarkt, Inflationsrisiken und vor allem die Diskussion um die Renminbi-Aufwertung sorgten für Verunsicherung.

DAS INVESTMENT.com: Nicht nur China hinkte hinterher, auch Ihr Fonds blieb hinter dem Index und einigen Wettbewerbern zurück.

Deng: Ich habe zu früh auf eine Erholung der Konsumindustrie gesetzt und nicht damit gerechnet, dass das Vertrauen in den Aktienmarkt und die Akzeptanz von Wachstumsunternehmen noch nicht wieder hergestellt ist. Aber das wird sich ändern, und es bleibt unsere Aufgabe, unberücksichtigtes Wachstum zu entdecken. Das habe ich getan.

DAS INVESTMENT.com: Was macht Sie so sicher, dass Sie richtig liegen?

Deng: Die Bewertungen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis etwa der A-Shares in Schanghai liegt im Schnitt bei 19. In den vergangenen 15 Jahren lag es bei 39. Und der gesellschaftliche Wandel schreitet noch stärker voran. Die chinesische Sparquote ist so hoch, weil der Staat persönliche Risiken kaum auffängt. Das wird sich ändern. Kranken- und Unfallversicherungen etwa sind ein großer Markt. Diese Unternehmen sind natürlich interessant. Und je weniger Risiko der Einzelne zu tragen hat, desto mehr Kapital kann in den Konsum fließen. Unternehmen, die davon profitieren, haben ein klares Übergewicht im Portfolio.

DAS INVESTMENT.com: Staatsbeamte zählen in den großen Ballungszentren abends die Wohnungen, die dunkel bleiben und wohl weniger als Wohnraum denn als Spekulationsobjekt genutzt werden.

Deng: Solche Kontrollen gibt es. Ich kenne nur die Variante, bei der regelmäßig die Stromzähler abgelesen werden. In solche Meldungen wird jedoch zu schnell etwas hineininterpretiert.

DAS INVESTMENT.com: China hat auch eine Immobilienblase?

Deng: Natürlich gibt es vereinzelte Übertreibungen, aber nur in den 1a-Lagen der Ballungszentren. Der nationale Durchschnitt ist davon weit entfernt. Ich verstehe, dass Investoren sensibilisiert sind. Aber ein Vergleich zu den Vorkommnissen in den USA ist nicht zulässig. Die Sparquote der Chinesen zählt zu den höchsten weltweit. Ohne Eigenkapital läuft nichts, und wer sich eine Zweit- oder Drittimmobilie kauft, muss deutliche Einschränkungen bei der Kreditvergabe hinnehmen. Chinas Grad der Urbanisierung ist auf dem Stand der USA im Jahr 1900. Erst in 50 Jahren dürfte die Verstädterung in China das Niveau der USA zu Beginn der 60er Jahre haben.

DAS INVESTMENT.com: Also, alles gut?

Deng: Es gibt keinen Grund zu dramatisieren, und Investoren sollten die aktuelle Entwicklung in einem historischen Kontext sehen. Das Wachstum Chinas ist stabiler geworden. Zwischen 1980 und 1990 schwankte das jährliche Wachstum zwischen 5 und 16 Prozent, von 1990 bis 2000 zwischen 4 und 14 Prozent und in den vergangenen zehn Jahren zwischen 9 und 12 Prozent. Im letztgenannten Zeitraum waren die Exportwirtschaft und die staatlichen Investitionen die Wachstumstreiber. In Zukunft sollte der Inlandskonsum mindestens genauso wichtig werden – wenn nicht sogar wichtiger. Bislang entfallen nur rund 20 Prozent des Wachstums auf den privaten Konsum. In den USA sind es 60 Prozent. Chinas Wirtschaft wird dadurch unabhängiger von der Nachfrage aus dem Ausland.

DAS INVESTMENT.com: Gibt es einen ganz besonderen und persönlichen Nutzen, den Sie aus dem rasanten Wandel Chinas ziehen?

Deng: 2009 brauchte ich für eine Bahnfahrt zu meinen Eltern nach Changsha noch über zehn Stunden. Jetzt gibt es einen Schnellzug.

DAS INVESTMENT.com: Und wie lange sind Sie jetzt unterwegs?

Deng: Zwei Stunden.

DAS INVESTMENT.com: Rasant. Ihre Prognose für den chinesischen Markt 2011?

Deng: Ich bin sehr optimistisch. Chinesische Aktien sind im Vergleich, etwa mit indischen Titeln, fast schon billig. Ich rechne mit einem Gewinnwachstum des breiten Marktes von 15 bis 20 Prozent. Und die Unternehmen, die wir herausgefiltert haben, wachsen durch die Bank schneller als der Gesamtmarkt.

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