Eine Rakete des Typs Langer Marsch 3B beim Start im chinesischen Xichang Foto: imago images/Xinhua

Schwellenländer in der Pandemie

Asiens Wirtschaft wieder auf dem Höhenflug

Krachender Paukenschlag direkt nach Nikolaus: Die Schweiz verliert ihr wichtigstes Wirtschaftstreffen. Das alljährlich im idyllischen Bergort Davos vor schneebedeckten Gipfeln stattfindende Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, kurz WEF) wird ausgerechnet zum 50. Jubiläum umziehen.

Als neuen Austragungsort für das Stelldichein der Staatsführer und Industriekapitäne haben die Organisatoren um WEF-Gründer Klaus Schwab Singapur auserkoren. Der asiatische Stadtstaat sei angesichts der katastrophalen Corona-Seuche der beste Ort, lassen sie verlauten: „Die Entscheidung ist mit Blick auf die Sicherheit aller Teilnehmer und der Gastgeber gefallen.“ Die Konferenz gilt traditionell als Top-Termin des Jahres. Auch für den neuen US-Präsidenten Joe Biden handelt es sich um eine Pflicht-Veranstaltung.

Bislang versammelte sich die Elite nur ein einziges Mal nicht in den Schweizer Alpen. Im Jahr 2002 wählte Schwab New York als Treffpunkt, um auf die dortigen Terroranschläge vom 11. September 2001 zu reagieren. Es ist Singapurs erfolgreichem Kampf gegen die Pandemie geschuldet, dass die Veranstalter zu so einer radikalen Maßnahme greifen. Wirtschaftlich hatte der Covid-19-Erreger das Schwellenland ebenfalls voll erwischt, der Aufschwung gelang aber weit früher als in der alten Wirtschaftswelt.

Im Januar 2020 war die Corona-Seuche über das Land hereingebrochen. Der weltbekannte Infinity-Pool auf dem Dach des Luxushotels Marina Bay Sands blieb schon bald danach ebenso verwaist wie die übrigen Gastronomie-Angebote. Ab März ließ Singapur dann überhaupt keine Urlauber mehr ins Land. Knapp 20 Millionen Reiselustige besuchen jährlich den Stadtstaat, darunter allein 3,6 Millionen Chinesen, die rund 2 Milliarden Euro dort ausgeben.

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Doch das auch dank seiner Finanzindustrie reiche Singapur hat die Pandemie-Probleme schnell hinter sich gelassen. Nach den harten staatlichen Eingriffen in Frühjahr und Sommer 2020 steckt sich seit längerem nur noch eine kleine Zahl von Menschen mit dem Corona-Virus an, in Höchstfällen im niedrigen zweistelligen Bereich. Offiziellen Zahlen zufolge kam es unter den 5,7 Millionen Einwohnern zu lediglich 29 Todesfällen, die der Seuche zuzuschreiben sind.

Die massiven Einschränkungen hat die Regierung gelockert, auch Touristen sind nach einer Quarantäne wieder willkommen. WEF-Boss Schwab lädt den Club der Mächtigen übrigens in das imposante Marina Bay Sands. Statt in winterlicher Atmosphäre am knisternden Kamin können sie die großen Linien der Weltpolitik nun also in der Rooftop-Bar am berühmten Pool ziehen und dabei den Blick auf Singapurs Skyline genießen.

Ganz anderes lässt die Lage in Europa erwarten. Dort riefen etwa die Schweizer Behörden in ihrer Not zum Weihnachtsfest 2020 den dritten Stillstand des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens innerhalb nur eines Jahres aus. Auch die private Freiheit bleibt davon nicht verschont, strenge Ausgangssperren zwingen Menschen ebenso wie in anderen europäischen Staaten in den Hausarrest.

Angesichts überfüllter Intensivstationen sehen die eidgenössischen Entscheidungsträger den sogenannten Lockdown als alternativlos an, um den Kollaps ihres Gesundheitssystems zu verhindern. Der dadurch ausgelöste ökonomische Aderlass wirkt verheerend. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass der Einbruch im vierten Quartal 2020 so stark war, dass die Wirtschaftsleistung gemessen am Bruttoinlandsprodukt 5,2 Prozent geringer ausfällt als noch ein Jahr zuvor.

Das Gegenteil passiert in einigen fernöstlichen Staaten. Denn die schnelle wirtschaftliche Genesung Singapurs stellt in Asien keine Ausnahme dar. In Südkorea beispielsweise – ebenfalls eines der Länder, in denen das Corona-Virus 2020 zuerst wütete – liegt die Zahl der mit dem Erreger Sars-Cov-2 infizierten Verstorbenen bei 624 (Stand 16. Dezember 2020). In Deutschland nähert sich die Zahl damals dagegen der Marke von 25.000, und das trotz zweier Lockdowns. Vergleichbare Einschränkungen hat es etwa in Südkorea nicht gegeben. Die Infektionszahlen nahmen in diesem Winter zwar auch dort zu, allerdings in weit geringerem Maß und keineswegs so sprunghaft wie hierzulande.

Das Missverhältnis lässt sich an der konjunkturellen Entwicklung klar ablesen. Während Südkoreas Wirtschaft 2020 um lediglich 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr absackte, rauschte beispielsweise die deutsche Produktion von Gütern und Dienstleistungen glatte 6 Prozent in den Keller (siehe Tabelle). Es stimmt also, dass die Folgen der Corona-Pandemie Schuld daran tragen, dass das WEF nach Singapur umzieht. Dennoch bleibt das nur die halbe Wahrheit.

Alternde Industriestaaten wie Deutschland schreiten etwa infrastrukturell schon lange nicht mehr vorne weg. „In Südkorea gibt es längst viel mehr Online-Video-Meetings als in Deutschland. Man hat dort allerdings ein stabileres Internet“, berichtet etwa Soyeon Schröder-Kim in einem Gespräch mit dem Magazin „Spiegel“. Die Gattin des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder arbeitet in ihrer Geburtsstadt Seoul als Repräsentantin der nordrhein-westfälischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung NRW Invest.

Der wirtschaftliche Aufstieg asiatischer Staaten wie Südkorea lässt den Wohlstand der Gesellschaft schnell zu westlichen Niveaus aufschließen. Die im Westen nach wie vor noch vorhandene größere Freiheit des Einzelnen hat es bislang allerdings nicht auf die Agenda geschafft. So nutzen Südkoreas Behörden exzessiv digitale Instrumente, um ihr Volk zu kontrollieren. Dabei sehen sie etwa Kreditkarten-Rechnungen ein und erstellen fleißig Bewegungsprofile ihrer Bürger. Einen Überwachungsstaat fürchtet Wirtschaftslobbyistin Schröder-Kim nicht, im Gegenteil: „Wir sind eine entwickelte Demokratie und haben nur eine andere Balance zwischen Datenschutz und Persönlichkeitsrechten.“

Bewegungsprofile seien in Zeiten der Pandemie kein Problem und könnten die Gesundheit der Menschen schützen. Eine übersichtlichere Menge persönlicher Rechte als im Westen sind in Schwellenländern nicht selten, am umfassendsten indes überwacht China seine Bürger. Zumindest beim Kampf gegen die Corona-Seuche scheint dies so zu fruchten, dass es der Gesellschaft zugutekommt. Auch das als möglicher Ausgangspunkt der weltweiten Infektionskette bekannt gewordene Wuhan erlebt eine Wiedergeburt der alten Normalität.

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