Martin Hüfner (Gastautor)Lesedauer: 4 Minuten

Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner Hier könnte ein neues Wirtschaftsmodell aufziehen

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Erstens: Nicht offene, sondern geschlossene Grenzen. Mit Zöllen und Protektionismus sollen Jobs geschaffen werden, mit Mauern soll die Konkurrenz am Arbeitsmarkt beschränkt werden.

Zweitens: Interventionismus statt freier Märkte. Wenn sich die Wirtschaft nicht in der Weise entwickelt, wie Trump es will, zögert er nicht, einzelnen Unternehmen mit der Keule "Staatliche Eingriffe" zu drohen. Rechtsstaat ist anders.

Drittens: Statt Konstanz der Wirtschaftspolitik (die in der Sozialen Marktwirtschaft eine wichtige Rolle spielte) be­wusst eingesetzte Überraschung und Verunsicherung der Märkte durch unerwartete Maßnahmen.

Viertens: Statt Unabhängigkeit der Notenbank Unterstel­lung auch der Geldpolitik unter die Exekutivgewalt des Prä­sidenten. Die amerikanische Notenbank ist zwar immer noch unabhängig, Trump hat aber schon deutlich gemacht, dass er die Politik der Fed (Anhebung der Zinsen) nicht gut findet. Ich vermute, dass es nicht bei der Kritik bleibt.

Fünftens: Statt freier Zinsbildung durch die Notenbank und die Märkte Einsatz der Zinsen zur Förderung von Unterneh­men und zur Schaffung von Jobs. Das Ziel der Preisstabili­tät kommt im Vokabular von Trump praktisch nicht vor.

Sechstens: Statt ausgeglichener Haushalte, um die Kapi­talmärkte den Privaten zu überlassen, steigende Staatsver­schuldung. Das öffentliche Defizit der USA ist im bisherigen Verlauf des Jahres USD 70 Mrd. höher als in der gleichen Zeit des Vorjahres.

Siebtens: Statt Verteilungsgerechtigkeit zur Förderung des sozialen Friedens Begünstigung der Reichen in der Gesell­schaft. Siehe die letzte Steuerreform der USA.

Manches ist hier vielleicht etwas spitz formuliert und wird auch nicht von allen Vertretern des Neo-Merkantilismus so geteilt. Das Ganze ist auch nicht jedermanns Sache (auch meine nicht). Es lässt sich aber nicht leugnen, dass es ein konsistentes System ist.

Es wird auch die Investment-Perspektiven an den Kapital­märkten beeinflussen. Wichtige Punkte sind hier: Das Wirt­schaftswachstum wird durch Steuersenkungen zwar kurz­fristig aufgebläht. Langfristig wird es jedoch geringer sein, weil das Kapital nicht so effizient eingesetzt wird, die Un­sicherheit auf den Märkten größer ist und der Welthandel nicht mehr so dynamisch ist (siehe Grafik). Die Produktivität wächst nicht mehr so schnell. Zu den demografischen Wachstumsbremsen kommen also noch wirtschaftspoliti­sche hinzu.

Gleichzeitig wird die Inflation tendenziell höher sein, weil sich niemand darum kümmert. Einzelne Preise, die für die
Menschen besonders wichtig sind, bekommen allerdings besondere Bedeutung (zum Beispiel die der Sojabohnen). Die Regierung greift hier ein. Auf Dauer sind auch Preiskon­trollen in einzelnen Sektoren denkbar.

Die Zinsen der Banken und auf dem Kapitalmarkt werden auf Dauer niedriger sein. Das soll die Wirtschaft, nicht zu­letzt auch den Bau weiter ankurbeln. Die Unternehmens­gewinne werden höher als unter den bisherigen Bedingun­gen sein. Das hilft den Aktienmärkten. Wechselkursschwan­kungen werden eher größer sein.

Für den Anleger

Insgesamt dürften Aktien von dem merkantilistischen Wirt­schaftsmodell trotz des niedrigeren Wachstums profitieren. Allerdings steigt die Volatilität wegen der schwierigen Vor­hersehbarkeit des Regierungshandelns. Zudem steigen die Wechselkursrisiken bei grenzüberschreitenden Transaktio­nen. Im Augenblick gilt das Modell vor allem in den USA. Amerikanische Aktien sind daher interessant. In Zukunft können aber noch andere Länder dazu kommen (vielleicht Italien, die Niederlande, wenn Macron scheitern sollte even­tuell auch Frankreich).

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