Themen
TopThemen
Fonds
Fondsvergleich Märkte Finanzberatung
Versicherungen
Boulevard
Experten
Denker der Wirtschaft
Krypto
Services
Academy Newsletter Veranstaltungskalender
Supermarkt: Im täglichen Leben sehe man keinen Trend zu niedrigeren Preisen, sagt Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner. | © Pixabay

Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner

Keine Angst vor der niedrigen Inflation

Die Preissteigerung im Euroraum hat sich in den letzten zwölf Monaten in geradezu beängstigender Weise verringert. Formaljuristisch ist das eine deutliche Zielverfehlung der Zentralbank. Für die Volkswirtschaft insgesamt überwiegen jedoch die positiven Effekte. Wenn man sich die Zahlen anschaut, sieht es dramatisch aus. Seit einem Jahr geht die Inflationsrate im Euroraum fast kontinuierlich nach unten. Sie hat sich binnen zwölf Monaten mehr als halbiert, von 2,3 Prozent auf 0,7 Prozent. Wenn das so weitergeht, dann sind wir bald bei null und darunter. Der Absturz ist wesentlich stärker und schneller als die konjunkturelle Abschwächung, die wir in dieser Zeit erlebt haben.

Müssen wir besorgt sein? Kündigt sich hier ein Problem an oder sind wir vielleicht schon mitten drin? In keiner Weise. Eher das Gegenteil ist richtig. Wir unterliegen bei den Sorgen vielmehr der juristischen Fiktion, dass Geldwertstabilität nur dann gewährleistet sei, wenn die Zunahme der Verbraucherpreise nicht höher und nicht niedriger ist als „knapp unter 2 Prozent“. So lautet aber nur das Mandat der Zentralbank. Der normale Bürger denkt anders. Er wünscht sich nicht eine Inflation von 2 Prozent, sondern eher von null. Insofern ist die aktuelle Entwicklung der Preise für ihn eher erwünscht.

Niedrigere Preissteigerungsraten sind aber auch sonst nichts Schlechtes. Sie bedeuten, dass Verbraucher und Unternehmen für ihr Geld mehr Güter und Dienste bekommen. Die reale Kaufkraft steigt. Das stabilisiert die Konjunktur. Das ist gerade in der gegenwärtigen Situation hilfreich, in der vom Export eher negative Einflüsse ausgehen. Durch die geringeren Preissteigerungen wird die reale Binnennachfrage gestärkt.

In die gleiche Richtung wirkt der Wechselkurseffekt. Wenn die Preise im Euroraum langsamer steigen als beispielsweise in den USA – was derzeit tatsächlich der Fall ist – dann kommt dies bei konstantem Wechselkurs einer realen Abwertung des Euro gleich. Die europäischen Unternehmen gewinnen gegenüber den amerikanischen an Wettbewerbsfähigkeit. Das ist zwar kein sanftes Ruhekissen, auf dem man sich ausruhen kann. Es hilft aber dem Export in einer Zeit, in der er durch die weltweite Nachfrageschwäche besonders heftigem Gegenwind ausgesetzt ist.

Die niedrigeren Preissteigerungsraten helfen auch den Anlegern. Sie bekommen zwar nicht mehr Zinsen. Es geht ihnen aber weniger Geld durch die Inflation verloren. Real stellen sie sich mit ihren Ersparnissen besser. Der Realzins, also der Nominalzins abzüglich Preissteigerungsrate, geht nach oben. Das ist zwar keine großartige Verbesserung. Aber immerhin.

Wir sollten uns auch deshalb nicht über die niedrige Inflation beschweren, weil sie nicht durch eine generelle Nachfrageschwäche bedingt ist. Sie beruht allein auf dem Sonderfaktor Energiepreise. Superbenzin hat sich in Deutschland binnen Jahresfrist um 7,6 Prozent verbilligt. Für Heizöl und Kraftstoffe mussten die Verbraucher in der Bundesrepublik sogar 9,1 Prozent weniger ausgeben. Wenn man diese Bewegungen ausschaltet, sieht das Bild ganz anders aus. Die Kerninflation (das heißt die Rate ohne Preise für Energie und saisonabhängige Nahrungsmittel) hat sich in den letzten zwölf Monaten fast gar nicht bewegt. Sie liegt weitgehend unverändert bei 1,2 Prozent.

nach oben