Baki Irmak, Mitgründer des Aktienfonds The Digital Leaders | © The Digital Leaders Fund Foto: The Digital Leaders Fund

Baki Irmak im Gespräch

„Wirecard hat die Bafin um den Finger gewickelt“

Wie kann es bei einem deutschen Vorzeige-Unternehmen wie Wirecard unbemerkt zu einem gigantischen Bilanzloch kommen?

Baki Irmak: Offensichtlich war es nie ein Vorzeige-Unternehmen. Aktuell werden immer mehr schockierende Details bekannt, und man kommt aus dem Staunen gar nicht heraus.  Wirecard war ein bisschen Anbieter für virtuelle Kontos, ein wenig Issuer aber vor allem ein langweiliger Zahlungsabwickler und Aquirer. Verkauft hat man das aber als eine große deutsche Fintech-Story im Payment-Markt. Offensichtlich hat man die großen Kundennamen für die Show gebraucht, die Margen kamen aber eher aus Geschäften mit problematischen Kunden oder mit Kunden aus der Porno- und Glücksspielindustrie.

Wer hätte Licht ins Dunkel bringen können?

Irmak: Es gab echte Umsätze in beträchtlicher Höhe und zahlreiche Kunden. Investoren hatten Grund zu zweifeln, aber keine Chance, Wirecard zu überführen. Investigative Journalisten hatten immerhin Whistleblower. Der Wirtschaftsprüfer hätte aber die Treuhandkonten prüfen müssen. 1,9 Milliarden Euro bei einem Treuhänder in Philippinen? Klingt absurd. Aber vor allem hatte Wirecard das große Glück, dass in Deutschland sich keine Aufsichtsbehörde zuständig für das Unternehmen hielt. 

Wie ist die Leistung der Bafin und die Anzeige der Behörde gegen die Redakteure der Financial Times einzuschätzen?

Irmak: Die Bafin kann sich nicht mit dem Hinweis herausreden, dass man kein Mandat für die Prüfung der Wirecard AG besaß, weil man sie in Abstimmung mit der Bundesbank und Europäischer Zentralbank als Technologiekonzern eingestuft hatte. Dann war eben die Einstufung falsch. Nutzen Banken etwa keine Technologie für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs? Das beispiellose Verbot eines Leerverkaufs bei einem Einzelunternehmen ist meiner Einschätzung nach überhaupt nicht zu rechtfertigen. Leerverkaufsverbote sind unsinnig. Der Bafin-Chef argumentiert gegen die akademische Evidenz. Dann hat die Bafin auch noch ohne konkreten Verdacht zwei Journalisten angezeigt. Statt all die Anleger und sonstigen Opfer zu schützen, hat sich die Bafin von Wirecard um den Finger wickeln lassen.

Was muss sich im deutschen Kontrollsystem ändern?

Irmak: Offensichtlich einiges. Neben klaren Zuständigkeiten wäre viel gewonnen, wenn man Whistleblower schützt, ernst nimmt und viel stärker incentiviert, so wie es der Dodd-Frank-Act in den USA regelt. Dort werden Whistleblower direkt beteiligt an der Höhe der Strafen. Wir loben heute völlig zurecht die Financial Times. Wir müssen uns aber auch bei den Whistleblowern bedanken.

Der Bilanzskandal eines Dax-Unternehmens schadet dem Wirtschaftsstandort Deutschland. Mit welchen Folgen?

Irmak: Das hängt auch davon ab, welche Lehren man daraus zieht. Ob man jetzt zum Beispiel noch mehr reguliert oder richtig reguliert. Die wertvollsten Unternehmen in den USA sind jung; Facebook, Amazon, Alphabet & Co sind mit dem Internet und der Digitalisierung entstanden. Viele Dax-Unternehmen sind schon im 19. Jahrhundert gegründet worden. Neben der Größe des Heimatmarktes USA ist sicher die innovationsfreundliche Regulierung dort ein Grund für diesen Erfolg. Der Wirecard-Skandal sollte jetzt nicht dazu führen, Digitalunternehmen stärker zu bürokratisieren.

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