Behavioral Finance: So denken Anleger wirklich

Peter Stowasser, Leiter des Retail-Vertriebsteams bei Franklin Templeton

Peter Stowasser, Leiter des Retail-Vertriebsteams bei Franklin Templeton

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Der durch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 ausgelöste Finanzkollaps hinterließ ein pessimistisches Vermächtnis, das trotz der anschließenden Zeiträume der Erholung von Wirtschaft und Börsen den Verstand vieler Investoren beherrscht. Während einige Investoren im Abseits zaudern, scheinen andere mit jedem Stimmungswandel in den Schlagzeilen zwischen den Anlageklassen zu wechseln.

Paradoxerweise werden Marktschwankungen von Investoren wie ein isoliertes Phänomen betrachtet. Ihnen fällt dabei nicht auf, dass ihre eigene Furcht durch die der zahllosen anderen Investoren vermehrt wird und somit die Marktturbulenzen gegebenenfalls verstärkt. Ob das sprichwörtliche Glas halb voll oder halb leer ist, ist eine Frage der Interpretation, die zwangsläufig durch Gefühlsregungen gefärbt wird. Es ist die emotionale Reaktion – die so schnell abläuft, dass man sich ihrer kaum bewusst ist –, die häufig zu schlechten Entscheidungen führt.

Doch Investoren müssen nicht durch ihre emotionalen Reaktionen das Gefühl haben, in eine Tretmühle schlechter Investitionen geraten zu sein, aus der es kein Entrinnen gibt. Behavioral Finance ist die Untersuchung der kognitiven Psychologie zur Feststellung der Motivation hinter finanziellen Entscheidungen. Sie bietet Hinweise auf die Strategien, wie Investoren aktiv ihre Gefühlsregungen im Hinblick auf Entscheidungen verfolgen können, die letztendlich in ihrem besten Interesse sind.

Dem Irrationalen Vernunft auflegen

Zur allgemeinen Wirtschaftstheorie (ebenfalls bekannt als die erwartete Nutzentheorie) entwickelte Behavioral Finance (Verhaltensökonomie) eine Antwort, die annimmt, dass Einzelne rationale, risikoscheue Profitmaximierer sind. Dieses Konzept eines rationalen Individuums bildete die Grundlage zahlreicher Theorien über die Kapitalmärkte. In einer gut geordneten Welt der effizienten Markttheorie ging man beispielsweise davon aus, dass die Preisbildung rational durch Investoren erfolgte.

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Daher konnte sich selbst der unerfahrene Anleger auf die Markteffizienz verlassen, wodurch ein gerechter Preis für die Transaktionen gewährleistet war. In der Realität sind alle Individuen weitaus weniger rational, was ihre Entscheidungsfindung angeht, als die Wirtschaftstheorie annimmt. Die Verhaltensökonomik berücksichtigt diese Irrationalität.

Mit ihrer Prospect-Theorie forderten die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky 1979 die traditionelle Wirtschaftstheorie heraus. Diese Theorie geht davon aus, dass Personen in Situationen geprägt durch Finanzrisiko mehr um eine Veränderung ihres Wohlstands besorgt sind als mit der letztendlichen Höhe ihres Vermögens.