Börsenbeben

Börsen: Kein Markt mehr da

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„Das wird noch heftig“, warnt der Anleihespezialist. „Da kommt noch was richtig Großes auf uns zu.“ Jochen Felsenheimer sagt das im Sommer 2007, und er ist die Ausnahme. Aber er hat recht, wie der Jahrhundert-Crash an den globalen Finanzmärkten im Jahr 2008 beweist. Heute ist Felsenheimer Fondsmanager und Geschäftsführer bei Xaia Investment. Und wieder blickt er skeptisch auf die Märkte. „Das ist es wohl noch nicht gewesen“, meint er, wenngleich die Situation eine andere sei als 2007. Und wieder ist er mit dieser Skepsis in nicht gerade großer Gesellschaft. Denn zunächst ertönt allerorten reflexartig das übliche Pfeifen im Wald. Von klaren Kaufkursen ist die Rede. Die Fundamentaldaten seien in Ordnung.

Morgen, aber erst morgen Immerhin: Europa scheint weiter aus der Krise zu kommen. Die Schwellenländer und insbesondere China bekommen Wachstumsprobleme, schliddern aber mit einigen Ausnahmen wohl nicht in eine Rezession. Der Aufstieg des Dollar scheint erst einmal gebremst, weil die US-Notenbank den Leitzins wohl auch nicht im September erhöhen kann. Das Spielchen erinnert sehr an einen Alkoholiker, der immer morgen mit dem Trinken aufhören will, ganz sicher morgen, aber dann doch nur weiter säuft. Drohen also einbrechende Unternehmensgewinne? Allenfalls bei Unternehmen, die sehr stark mit China verknüpft sind. Und auch dann stellt sich die Frage, ob Chinas Wirtschaft wirklich einbricht, wie manche Schwarzmaler befürchten. Denn vielleicht schaltet sie auch nur zwei Gänge runter, wie es ohnehin zu erwarten und auch geplant war. Immerhin sind die chinesischen Spekulationsblasen an Aktien- und Kreditmarkt nicht über die ganze Welt verstreut wie anno 2007 die amerikanische. Zudem liegen die Rohstoffpreise viel tiefer als damals, was Industrie und Konsum hilft. Was allerdings zu denken gibt, ist, dass die Bewertungskennzahlen für Aktien auch 2007 niedrig aussahen. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis lag beim S&P 500 bei maximal 3,0, heute auch nach dem Krach noch bei 2,7. Beim Dax waren es maximal 2,1, heute 1,6. Allerdings ist der Anteil der Schulden an den gesamten Unternehmensbilanzen von damals fast 40 Prozent in den USA auf heute 24 Prozent gesunken. Im Dax ging es von fast 35 auf heute 20 Prozent herunter. Doch der Markt richtet sich auch nach Technik, und die ist das äußert beunruhigende Kontrastprogramm. „Am Montagmorgen gab es praktisch keinen Markt mehr. Es gab viele Verkäufer, aber keine Käufer“, sagte David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, mit Blick auf den 24. August zu „Spiegel-Online“. „Die vergangenen Wochen sind eine logische Konsequenz aus der Politik der vergangenen Jahre“, sagt auch Felsenheimer. In früheren Krisen traten große Banken als Käufer von Anleihen und Aktien auf. Doch schon 2008 waren sie mehr mit sich selbst beschäftigt, was die Märkte damals austrocknen ließ. Für manche Unternehmensanleihen gab es mitunter tagelang keinen Käufer. Heute sind die Richtlinien verschärft. Banken müssen Aktien und Anleihen mit mehr Eigenkapital absichern – Stichwort Basel. In den USA schränkt die Volcker-Rule den Eigenhandel von Banken stark ein. Wer soll nun noch kaufen, wenn die einzigen großen Marktakteure – die Investmentfonds – im Gleichschritt anfangen zu verkaufen? Aus dem mit über 163 Milliarden Dollar größten Indexfonds (ETF) der Welt, dem SPDR S&P 500 ETF Trust, zogen Anleger am 24. August 1,3 Milliarden Dollar ab. An einem einzigen Tag. Dass insbesondere die billionenschwere ETF-Branche mit der schnellen Verfügbarkeit ihrer Produkte prahlt, macht den Markt sicher nicht stabiler.

EZB dünnt den Handel aus Es gibt niemanden mehr, der die Schlagkraft hat, sich einer panischen Anlegerschar entgegenzustellen. Damit haben die eigentlich gut gemeinten Regeln die Märkte instabiler gemacht. Das Gleiche gilt für die Europäische Zentralbank (EZB), die jeden Monat für 60 Milliarden Euro Anleihen kauft. Zwar hat sie ehrenvolle Absichten, räumt aber auch den Markt leer und dünnt den Handel aus. Das wird spätestens beim nächsten Schock sichtbar. Ende April gab es schon einen Vorgeschmack, wie schnell es dann gehen kann. Das alles ändert nicht, dass Aktien eine wichtige Anlageform sind. Aber eben eine zunehmend wackelige. Für Philipp Vorndran bleiben sie weiter alternativlos. „Auch wenn es nicht immer leicht fällt, die kräftigen Kursschwankungen als das zu akzeptieren, was sie sind: Normalität“, so der Kapitalmarktstratege des Vermögensverwalters Flossbach von Storch. Dort hat man einzelne Positionen schon aufgestockt. Zu früh? Wer weiß das schon? Oder wie es Vorndran treffend ausdrückt: „Wir haben leider keine Glaskugel. Und auch sonst niemand.“

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