Boris Johnson Foto: Foto: imago images/PA Images

Wirtschaftskrise und Brexit-Chaos

Corona-Kollaps im Königreich

Jetzt geht es auf der Insel aber ans Eingemachte. Die 1979 gestartete britische Kneipenkette JD Wetherspoon hat für das abgelaufene Geschäftsjahr den ersten Verlust ihrer Geschichte verkünden müssen. Unternehmensgründer und Chef Tim Martin macht dafür in erster Linie die von der Regierung verordneten Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie verantwortlich. Die Regeln seien willkürlich und in erster Linie politisch zweckmäßig.

Und obwohl diese nicht einmal die Hälfte des Ende Juli auslaufenden Geschäftsjahres betrafen, fielen die Einnahmen des in Watford in der Grafschaft Hertfordshire ansässigen Unternehmens um 30 Prozent. Dazu kommen noch rund 32 Millionen Euro für weitere Corona-Maßnahmen. Unter dem Strich hat die 867 Pubs lange Kette ein Loch von 116 Millionen Euro in der Kasse. Das blieb nicht ohne Folgen für JD Wetherspoons Aktienkurs: Seit Jahresbeginn 2020 hat dieser bereits um mehr als die Hälfte nachgegeben.

Vor rund anderthalb Jahren befürwortete Martin noch öffentlich Boris Johnsons Einzug in Downing Street 10, inzwischen wirft der Wetherspoon-Boss dem konservativen Politiker vor, mit seinem konfusen Handeln die Menschen zu verwirren, und empfiehlt Johnson medienwirksam die Einnahme einer „Weisheits-Pille, bevor in wenigen Monaten Millionen von Menschen arbeitslos“ werden. Konkret wünscht sich Martin eine lockere Corona-Politik wie in Schweden, damit seine Gaststätten wieder wie früher öffnen können.

Wenn in Großbritannien selbst mit Kneipen kein Geld mehr zu verdienen ist, dürfte die Lage wohl ziemlich düster sein. Tatsächlich hat die Corona-Pandemie die Insel noch weit härter erwischt als andere Volkswirtschaften. Während beispielsweise die deutsche Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 10 Prozent unter der des Vorquartals blieb, brach das britische Bruttoinlandsprodukt um mehr als das Doppelte ein. Der breite Aktienmarkt litt zwar weniger als die gebeutelten Wetherspoon-Titel, dennoch sackte etwa der Aktienindex FTSE 100 seit Jahresbeginn um ein knappes Viertel ab.

Den Grund für diese heftigen Schläge sehen Experten nicht zuletzt in der anfälligen Wirtschaftsstruktur des einstigen Empire. Britische Unternehmen müssen nicht nur viele Zwischenprodukte aus der Europäischen Union importieren, diese stammen zudem auch noch von nur wenigen Zulieferern. „Die aktuelle Covid-19-Krise hat gezeigt, wie wichtig die Diversifizierung von Lieferketten ist, um die negativen Auswirkungen unerwarteter Lieferschocks abzuschwächen”, erklärt Lisandra Flach, Leiterin des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft.

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