Didier Saint-Georges Die dunkle Seite der Macht der Zentralbanken

Didier Saint-Georges ist Mitglied des Investmentkomitees beim französischen Fondshaus Carmignac. | © Carmignac

Didier Saint-Georges ist Mitglied des Investmentkomitees beim französischen Fondshaus Carmignac. Foto: Carmignac

Die Kehrseite der dauerhaft niedrigen Zinsen ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Geringere Finanzierungskosten sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen erleichtern es, neue Geräte anzuschaffen, ein Eigenheim zu kaufen oder einen Kredit aufzunehmen. Aber wenn wir die Auswirkungen niedriger Zinsen (auch wenn sie die Kaufkraft erhöhen) kritisch beleuchten wollen, müssen wir uns vom gesunden Menschenverstand lösen und kontraintuitiv denken.

Beginnen wir beim gesunden Menschenverstand. Niedrigzinsen bedeuten, dass die Dinge nicht allzu gut laufen. Denn wenn Zentralbanken ihre Leitzinsen auf Tiefstständen belassen, liegt das daran, dass sie den Eindruck haben, dass Investitionen und Verbraucherausgaben etwas Unterstützung brauchen. Zudem ergibt sich das Niveau langfristiger Zinsen – mehr als das kurzfristiger Zinsen – grundsätzlich aus dem natürlichen Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage unter den Marktteilnehmern.

Wenn also die langfristigen Zinsen extrem niedrig bleiben, liegt das wahrscheinlich daran, dass es nicht genug langfristige Investitionsprojekte gibt, um die damit verbundenen Finanzierungskosten in die Höhe zu treiben. Eine letzte Erklärung ist, dass es in einem Umfeld, in dem die kurzfristigen Zinssätze angesichts schwachen Wirtschaftswachstums und nicht nennenswerter Inflation wahrscheinlich nicht steigen werden, keinen Grund gibt, langfristige Kredite aufzunehmen. Es sei denn, zu sehr niedrigen Zinssätzen.

Wie dem auch sei, funktioniert eine derart pessimistische Stimmung zumindest in gewissem Maße wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Das gilt ganz besonders in Europa, wo die Wirtschaftsaktivität unmittelbarer von Bankdarlehen abhängt, während US-Unternehmen es leichter haben, sich über die Kapitalmärkte zu finanzieren. Fest steht, dass niedrige Zinssätze auf dreierlei Weise europäischer Banken beeinträchtigen, Gewinne zu erzielen:

Erstens machen sie die Margen auf Darlehen äußerst transparent, sodass sie sich schwerer an Kunden „verkaufen“ lassen.

Zweitens besteht ein großer Teil der Tätigkeit von Geschäftsbanken darin, sich kurzfristig Geld zu leihen und es dann langfristig zu höheren Zinsen wieder zu verleihen und damit einen Gewinn auf die „Fristentransformation“ zu erwirtschaften. Wenn also die langfristigen Zinsen nicht mehr höher sind als die kurzfristigen (oder sogar niedriger), ist die Fristentransformation nicht mehr rentabel. Das ist das größte Problem bei flachen Renditekurven.