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Inflation lässt Anleger aus Schwellenländern flüchten

Als das neue Jahr beginnt, ist noch alles klar: Es sollte ein gutes Aktienjahr werden, sind sich Experten einig. Vor allem die Märkte der Schwellenländer würden den Aufschwung anführen. Risiken? Wohl kaum. Doch es kommt anders.

Zunächst freuen sich viele Marktteilnehmer und nur wenige Ökonomen über die auf Hochtouren ratternden Notenpressen in den USA und der Eurozone. Der Leitzins in Amerika liegt noch immer bei null, in Euroland bei einem Prozent. Nie zuvor war es billiger, sich Geld zu leihen. Die US-Notenbank Fed kauft Staatsanleihen und erspart damit der Regierung schmerzhafte Sparreformen. Geld im Überfluss. „Quantitative Easing“ nennt das der Volkswirt.


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Doch das Geld bleibt nicht im Land, sondern schwappt auf der Suche nach Rendite um den Globus, hauptsächlich in Gold, Rohstoffmärkte – und die boomenden Schwellenländer. Das wird so lange weitergehen, bis die Zinsen in den USA und Euroland steigen und die Gelddruckmaschinen abkühlen. Für Euroland könnte das schon im Frühjahr passieren, für die USA wohl nicht vor 2012. Der Nebeneffekt: „Auf kurze Sicht wird die quantitative Lockerung wahrscheinlich zu einem Anstieg der Vermögenspreise in den Schwellenmärkten führen, und auch die Lokalwährungen dürften zulegen“, sagt Allan Conway, Leiter der Abteilung Schwellenländeraktien bei der Fondsgesellschaft Schroders. Langfristig könne sogar die Gefahr von Preisblasen entstehen, so Conway. „Für das laufende Jahr sehen wir aber keinen Grund zur Besorgnis.“

Fremdes Geld sorgt für Sorgen

Die Länder selbst sehen das anders: China schraubt seine Währung Yuan am Dollar fest, um die Aufwertung zu vermeiden. Brasilien und Thailand wollen das fremde Geld durch besondere Steuern außen vor halten. Zentralbanken erhöhen die Leitzinssätze und erschweren damit ihren eigenen Wirtschaftsaufschwung. Trotzdem ziehen die Preise an. Vor allem Nahrung kostet jetzt viel mehr als noch vor einem Jahr. Die Folge: Demonstrationen mit knurrenden Mägen und staatliche Schachzüge auf den Weltmärkten, um die Ernährung des eigenen Volkes zu sichern.


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Und nun das: 21 Milliarden Dollar flossen seit 13. Januar aus Schwellenländeraktienfonds ab, meldet der Dienstleister EPFR Global (Stand: 23. Februar 2011). Das ist über ein Fünftel der Zuflüsse aus ganz 2010. Dagegen gingen seit Oktober 73 Milliarden Dollar in Anlagen der Alten Welt: Nordamerika, Europa, Japan. Davor hatten Anleger seit Jahresbeginn noch 92 Milliarden Dollar abgezogen. Das Geld fließt immer schneller, scheint es.

Inflationsangst und damit verbundene steigende Leitzinsen sowie die Aufstände in Nordafrika sind nur zwei Gründe für den plötzlichen Sinneswandel. Ein weiterer Grund ist, dass die Industrienationen offenbar unterschätzt wurden. „Die Wachstumsaussichten der Industrieländer haben sich gegenüber denen der Schwellenländer in den letzten Monaten gebessert“, heißt es in einem Kommentar von ING Asset Management. „2011 ist ein Jahr, in dem man wohl eher in entwickelten Ländern investiert sein sollte“, stellt China-Starfondsmanagerin Lilian Co in einem Interview mit „Börse Online“ fest und zweifelt zugleich an Chinas Informationspolitik: „Die realen Inflationsraten sind längst zweistellig.“


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Damit fliehen Investoren nicht nur vor einem Effekt, den sie selbst mit verursacht haben. Nachdem sie jahrelang mit dem Geld auch die Inflation exportiert haben, holen sie sie nun zurück nach Hause. Vielleicht nicht zwangsläufig, aber es wäre zumindest logisch.

Trotz Flucht: Perspektiven okay

Zweifel an den langfristigen Wachstumsaussichten der Schwellenländer gibt es dagegen weiterhin kaum. „Asien im Allgemeinen und China im Besonderen sind auf längere Sicht nach wie vor eine attraktive Anlageregion, vielleicht sogar die attraktivste der Welt“, sagt Lilian Co und verweist auf das starke Wirtschaftswachstum und die hohen Haushaltsüberschüsse der Länder. Davon können Europa und die USA nur träumen.

Den Aktionären ist das herzlich egal. Sie finden es zurzeit zu Hause sehr schön. Auch wenn die Katastrophe in Japan ihre Stimmung vorübergehend trübt.
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