Spieler der Macht Wie sich mit der Spieltheorie das Handeln von Trump, Varoufakis & Co. erklären lässt

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Griechenland hat aus den Verhandlungen viel herausgeholt

Henning Vöpel, Foto: Uwe Nölke

Es existiert keine dominante Strategie, weil das Weiterfahren zum besten, aber genauso zum schlechtesten Ergebnis führen kann. „Um zu gewinnen, könnte man dem Gegner möglichst glaubwürdig vermitteln, dass man auf keinen Fall ausweichen wird“, sagt Vöpel. Spieltheoretiker benutzen dafür den Fachbegriff Signalling. Ein Spieler kann vorgeben, keine Angst vor der fatalen Kollision zu haben, indem er etwa das Lenkrad blockiert. Letzteres sollte selbstverständlich unbedingt so geschehen, dass es der Gegner auch sieht. Ansonsten führt auch dies zum Untergang, wie Star-Regisseur Stanley Kubrik in dem Film „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ demonstriert. Dort kommt die Kenntnis über eine Weltvernichtungsmaschine zu spät, um die atomare Katastrophe zu verhindern.

Für ein frisches Beispiel aus der Politik hat 2015 die griechische Regierung gesorgt. Die Verhandlungen mit der Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds über die richtigen Maßnahmen, um die marode griechische Volkswirtschaft zu retten, endeten wiederholt ergebnislos. Im Juni 2015 kündigte Premierminister Alexis Tsipras schließlich ein Referendum an, in dem das griechische Volk über den damals aktuellen Vorschlag der Troika abstimmen sollte. „Die Volksabstimmung anzukündigen, bedeutet übertragen auf das Angsthasenspiel, das Lenkrad sichtbar aus dem Fenster zu halten und dann wegzuwerfen. Tsipras machte der Gegenseite klar, dass er nicht mehr ausweichen kann“, so Spieltheorie-Professor Vöpel.

Das Ergebnis ist bekannt: Griechenland musste die Eurozone nicht verlassen, sondern wurde gerettet und gehört heute noch zur Währungsunion. Und das, obwohl die Griechen damals mit mehr als 61 Prozent „Oxi“, also Nein, gestimmt und die Vorschläge der Troika abgelehnt hatten, die Voraussetzung für einen Verbleib sein sollten. Selbst politisch nicht wohlgesonnene Beobachter stellten fest, dass Griechenland mit praktisch leeren Händen in die Verhandlungen marschiert ist und in Anbetracht dessen einiges rausgeholt hat.

Das kam nicht von ungefähr. Tsipras’ damaliger Finanzminister Yanis Varoufakis ist Wirtschaftswissenschaftler, der Fachbücher zur Spieltheorie geschrieben und herausgegeben hat. Vor seiner politischen Karriere hatte Varoufakis als Professor für Ökonomie in Athen gelehrt, danach im texanischen Austin. Nach Bekanntgabe des Referendums hatte er seinen Rücktritt als Finanzminister für den Fall angekündigt, dass die Griechen bei dem Referendum den Vorschlägen der Troika zustimmen. Varoufakis trat dann allerdings trotz des klaren Neins zurück, weil ihm zufolge mehrere Mitglieder der Troika seinen Abschied wünschten und er weiteren Verhandlungen nicht im Wege stehen wollte. Die Kommentatoren der „Neuen Zürcher Zeitung“ kamen damals zu dem Schluss, dass der Wissenschaftler nicht an der Spieltheorie, sondern eher an seinen wenig professionell geführten Verhandlungen und mangelnder Bereitschaft zur Zusammenarbeit gescheitert sei.