Tipps gegen die „Volkskrankheit Aufschieberitis“ Wie Verbraucher ihre Altersvorsorge endlich anpacken

Daniel Hoch auf einer langen Bank im Hamburger Europa-Center: Rund ein Fünftel der Deutschen gab in einer Online-Umfrage des Marktforschungsinstituts Yougov unter mehr als 4.700 Personen an, ihre privaten Finanzen sprichwörtlich auf die lange Bank zu schieben. | © DAS INVESTMENT

Daniel Hoch auf einer langen Bank im Hamburger Europa-Center: Rund ein Fünftel der Deutschen gab in einer Online-Umfrage des Marktforschungsinstituts Yougov unter mehr als 4.700 Personen an, ihre privaten Finanzen sprichwörtlich auf die lange Bank zu schieben. Foto: DAS INVESTMENT

DAS INVESTMENT: Laut einer Umfrage im Auftrag der Fondsgesellschaft Fidelity International gehört das Planen der eigenen Finanzen zu den unbeliebtesten Tätigkeiten der Deutschen. Rund jeder Zweite beschäftigt sich demnach höchstens eine Stunde pro Monat mit Themen wie Steuern, Versicherungen oder Geldanlage. Wie erklären Sie es sich, dass sich nur rund ein Drittel der Deutschen in der Freizeit gerne mit den privaten Geldangelegenheiten beschäftigt?

Daniel Hoch: Für mich sind die Ergebnisse nicht überraschend, denn das Thema Finanzen ist nur einer von vielen Lebensbereichen für die jeweils gilt: Wir schieben wichtige Aufgaben immer weiter auf, weil wir es ganz einfach können. Das größte Problem ist also unsere Faulheit. Erschwerend kommt hinzu, dass wir viele Finanzthemen nicht auf Anhieb verstehen. Und spätestens seit der Finanzkrise vor zehn Jahren fehlt Vielen das notwendige Vertrauen in die Anbieter und Vermittler von Finanzprodukten.

Welche Finanzfrage betrifft das in der Praxis?

Hoch: Wir haben beispielsweise schlicht und einfach keine Lust darauf, die Steuererklärung auszufüllen. Daran ändert auch die Aussicht auf eine mögliche Rückzahlung wenig. Und ohne eine gesetzliche Frist würden wir diese leidige Pflichtaufgabe wohl nie angehen. Zwei weitere Gründe dafür, dass wir Dinge aufschieben: Es sind jeweils Aufgaben, die uns schwerfallen und die mit Ungewissheiten verbunden sind, die wir Menschen aber gerne vermeiden. Die Konsequenz: Wir tun entweder Altbewährtes oder tun lieber gar nichts und hoffen, dass alles gut ausgeht.

Am Beispiel der Altersvorsorge zeigt sich, dass Nichtstun aber zu großen Problemen führen kann: Wer zu lange wartet, verpasst die Chancen des Zinseszinseffekts.

Hoch: Ja. Wir haben in der Regel nur eine geringe Lust, unsere Verantwortung in Taten umzusetzen. Und diese „Aufschieberitis“ ist auch noch ansteckend. Ein typisch deutsches Phänomen ist zudem unser hoher Anspruch an uns selbst. Er ist Problem und Stärke zugleich. Denn Präzision führte einerseits zur international beachteten Marke „Made in Germany“. Perfektionismus führt andererseits dazu, dass wir mit einem Ergebnis nie zufrieden sind und daher eine Sache nie gedanklich abschließen. Weil wir das bereits ahnen, fangen wir mit einer solchen Aufgabe gar nicht erst an. Besser wäre also mehr Pragmatismus.

Ein Appell für mehr Rationalität?

Hoch: Es geht nicht um die Frage, ob der Kopf oder der Bauch gewinnt. Stattdessen geht es um die Frage, inwieweit in dem jeweiligen Einzelfall das Gefühl beziehungsweise der Verstand entscheiden soll. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Das richtige Rezept gegen die Aufschieberitis ist es also, ein „perfekter Aufschieber“ zu werden. Denn viele Menschen sind „5-vor-12-Erlediger“. Besser ist es aber, seine Zeit effizient zu nutzen und Erledigungen bewusst auf den richtigen Termin zu schieben.

Was hält die Menschen davon ab? Und was können wir dagegen tun?

Hoch: Weil wir das große Ziel oft nicht sofort und mühelos erreichen können, müssen wir unsere Disziplin und unseren Willen trainieren. Dazu müssen wir uns das Erreichen vieler kleiner Teilziele vornehmen, was in der Praxis leider nicht attraktiv wirkt. Wichtig ist daher die Vorausschau auf das große Ganze. Denn das schafft die notwendige Motivation, um die vielen kleinen Einzelschritte in die Tat umzusetzen. Wichtig ist wie beim Sport auch der richtige Partner: Er soll mich nicht herunterziehen, sondern motivieren. Dazu muss er im Zweifel auch einmal Tacheles reden.

Wie kann man das beim Thema Finanzen umsetzen?

Hoch: Wichtig ist es, sich darüber Gedanken zu machen, wofür man sparen möchte oder wie viel Risiko man dafür eingehen möchte. Das sind Fragen, über die sich viele Menschen noch nie zuvor intensiv Gedanken gemacht haben. Anschließend muss man das Heft des Handels selbst in die Hand nehmen.

Haben Sie auch ganz konkrete Tipps für den Alltag?

Hoch: Mein wichtigster Tipp: Starten Sie in den Tag mit denjenigen Aufgaben, die Sie am meisten fürchten. Es wird sich in der Regel herausstellen, dass diese Arbeiten am Ende doch gar nicht so schlimm gewesen sind. Und seien Sie dabei konsequent: Erledigen Sie entweder diese Aufgabe oder gar keine. Und als Freiberufler sollte man lieber in Co-Working-Spaces arbeiten. Denn im Homeoffice gibt es oft zu viele Ablenkungen des Alltags. Aber auch im Büro gilt: Schalten Sie zwischendurch den Flugmodus am Smartphone an, um eine Aufgabe konzentriert abzuschließen und nicht laufend von neuen Nachrichten abgelenkt zu werden.