Peter Ulrich

Peter Ulrich

„Unternehmen dürfen keine Gewinnmaximierung betreiben“

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Ulrich ist derzeit im Ethik-Komitee der Schweizer Vermögensverwaltung Dr. Höller tätig. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler war erster Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen. Dort gründete er das Institut für Wirtschaftsethik und leitete es 20 Jahre lang. DAS INVESTMENT.com: Papst Benedikt XVI. geißelt die Gier. In seiner Sozialenzyklika fordert er eine Wirtschaftsordnung, die auf Ethik und dem Streben nach Gemeinwohl basiert. Finden Sie in der Enzyklika auch Gedanken aus Ihrem Buch „Integrative Wirtschaftsethik“ wieder? Peter Ulrich: Ja, ich vermute sogar, dass einige Auszüge aus meiner „integrativen Wirtschaftsethik“ dem Papst oder seinen Mitarbeitern bekannt waren und als Grundlage für manche seiner Thesen dienten. DAS INVESTMENT.com: Das ist eine kühne Behauptung. Wie begründen Sie sie? Ulrich: Der Mainzer Kardinal Lehmann hat kürzlich einen Vortrag mit dem Titel „Für eine integrative und lebensdienliche Ethik“ gehalten und auch ein paar Manuskripte zu diesem Thema verfasst. In diesen nimmt er explizit auf mein Buch Bezug. Und da ich davon ausgehe, dass ein deutscher Papst die Reden und Schriften seiner Kardinäle sehr wohl kennt, finde ich einen solchen Zusammenhang plausibel. DAS INVESTMENT.com: Können Sie inhaltliche Parallelen zwischen Ihrem Buch und der Sozialenzyklika nennen? Ulrich: Sogar mehrere. Bei der „Integrativen Wirtschaftsethik“ geht es zum Beispiel darum, dass die Unternehmensphilosophie und die Unternehmensziele von Grund auf ethisch fundiert sein sollten. Ethisch-moralische Fragen dürfen nicht als nette kleine Beigaben betrachtet werden, die das Top-Management erst dann beschäftigen, wenn das Hauptziel – die Gewinnmaximierung – erreicht ist. Den gleichen Gedanken findet man auch im Paragrafen 37 der Sozialenzyklika: „Darum müssen die Regeln der Gerechtigkeit von Anfang an beachtet werden, und nicht mehr danach oder parallel dazu“. DAS INVESTMENT.com: Und wie erkennt man den Unterschied zwischen Ethik als Grundlage der Unternehmensphilosophie und der sogenannten „netten kleinen Beigabe“ zur Imagesteigerung? Ulrich: Betrachten wir doch einmal die Branchen, die am meisten Geld spenden, um damit die soziale Verantwortung des Unternehmens zu betonen. Ganz weit vorne steht da die Tabakindustrie. Dort dienen die sozialen Projekte aber nicht zuletzt dazu, von der Problematik des Geschäftsmodells abzulenken, statt dieses selbst im Sinne von Geschäftsintegrität verantwortungsbewusster auszurichten. Ähnlich verhält es sich zum Teil auch mit der Pharmaindustrie und der Finanzbranche. DAS INVESTMENT.com: Sehen Sie noch weitere Parallelen zwischen Ihrem Buch und der Enzyklika? Ulrich: Ja, der Papst betont beispielsweise, dass eine gute Unternehmensführung von Grund auf sozial und ökologisch verantwortet sein sollte. Im Paragraf 40 schreibt er, dass die Unternehmensführung nicht allein auf die Interessen der Eigentümer ausgerichtet sein dürfte. Investitionen haben neben der wirtschaftlichen immer auch eine moralische Bedeutung. Dies spiegelt die These der „Integrativen Wirtschaftsethik“ wider, dass das Konzept des „Shareholder Value“, bei dem ausschließlich Interessen der Aktionäre berücksichtigt werden, unternehmensethisch  nicht vertretbar ist. Es gilt die legitimen Ansprüche aller Stakeholder in fairer, ausgewogener Weise zu berücksichtigen. Unter „Stakeholder“ versteht man dabei alle Personengruppen, die von der Geschäftstätigkeit des Unternehmens betroffen sind. Das sind neben den Aktionären auch die Mitarbeiter, die Lieferanten, Kunden sowie das gesamte gesellschaftliche Umfeld. DAS INVESTMENT.com: Trotzdem sind alle Firmen in erster Linie wirtschaftliche Unternehmen. Um auf dem Markt bestehen zu können, müssen sie in erster Linie das betriebswirtschaftliche Ziel – nämlich die Gewinnmaximierung – erreichen. Wie lässt sich das mit ihrer ethischen, sozialen und ökologischen Verantwortung vereinbaren? Ulrich: Da muss ich Sie korrigieren: Um auf dem Markt bestehen zu können, müssen Unternehmen zwar Gewinne erzielen, aber keinesfalls Gewinnmaximierung betreiben. DAS INVESTMENT.com: Wo ist da der Unterschied? Ulrich: Der Unterschied liegt in der „Maximierung“. Uneingeschränkte Gewinnmaximierung ist ein Teil des unternehmensethischen Problems und nicht der Lösung. Gewinnmaximierung um jeden Preis ist gleichbedeutend mit der Entscheidung für die Ausblendung aller ethischen Fragen. Das ist weder legitim noch nachhaltig und führt über kurz oder lang zu Rückschlägen. Das Gewinnstreben einer Unternehmensführung, die sich ihrer ethischen, sozialen und ökologischen Verantwortung bewusst ist und sich an deklarierte Geschäftsprinzipien bindet, halte ich hingegen für absolut legitim. DAS INVESTMENT.com: In der Theorie klingt das alles sehr gut. Nur, was bringt es einem Unternehmen, seine gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, wenn die meisten Wettbewerber weiterhin die Gewinnmaximierung als ihr oberstes Prinzip betrachten. Ulrich: Stopp! Unternehmensethik darf nicht auch noch auf ein Mittel zur Erfolgssteigerung verkürzt werden. Vielmehr definiert sie, was aus ethischen Gründen vor dem eigenen Erfolg kommt. Ein Unternehmen, das sich in dieser Weise integer und glaubwürdig verhält, erarbeitet sich bei seinen Stakeholdern und in der Öffentlichkeit eine verdiente Reputation. Gerade indem es sich an ethische Prinzipien hält und nicht jeden Kostenvorteil und jede Gewinnmöglichkeit ausschöpft, gewinnt es einen nachhaltigen, schwer imitierbaren Wettbewerbsvorteil.  DAS INVESTMENT.com: Aber erwarten die Investoren nicht in erster Linie gute Renditen? Spielen für sie Nachhaltigkeitskriterien denn mittlerweile eine so große Rolle, dass sie bereit wären, dafür auf einen Teil ihrer Renditen zu verzichten? Ulrich: Im Zuge der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise hat doch bei vielen Anlegern ein Sinneswandel eingesetzt. Natürlich sind sie nicht über Nacht zu puren Idealisten geworden: Sie wollen nach wie vor gute Renditen erzielen, aber nicht auf Kosten Anderer. Daher ziehen viele Investoren mittlerweile prinzipiengeleitete Investments vor. DAS INVESTMENT.com: Was bedeutet das? Ulrich: Ein prinzipiengeleitetes Investment hat neben der ökonomischen noch drei weitere Dimensionen: Die humanitäre Verantwortung, die die Einhaltung der Menschenrechte voraussetzt, die soziale Verantwortung, die auf Ausbeutung von Menschen durch schlechte Arbeitsbedingungen und Hungerlöhne verzichtet, und die ökologische Verantwortung, die durch ökologisch nachhaltige Investments realisiert wird. DAS INVESTMENT.com: Wie hoch ist der Anteil der Investoren, die prinzipiengeleitet investieren wollen? Ulrich: Momentan noch recht gering, aber gerade angesichts der Klimaerwärmung sehe ich da großes Potenzial, vor allem in den europäischen Ländern. DAS INVESTMENT.com: Warum ausgerechnet in Europa? Ulrich: In den USA sind bereits 11 Prozent aller privaten Investitionen in prinzipiengeleiteten Fonds angelegt, in Kontinentaleuropa hingegen weniger als 2 Prozent. In vielen europäischen Ländern ist dieser Anteil sogar noch niedriger und liegt unter 1 Prozent. DAS INVESTMENT.com: Woran liegt das? Ulrich: Viele Banken und Fondsgesellschaften wollten bis vor kurzen keine speziellen Ethik-Fonds anbieten. Das liegt meiner Meinung nach hauptsächlich an dem Begriff. Die Amerikaner gehen mit dem Begriff „Ethik“ viel ungezwungener um als wir, der ist dort alltagsnaher und nicht so „moralinsäurehaltig“ wie in Europa. DAS INVESTMENT.com: Sie waren von 1987 bis Juli 2009 der erste Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen. Dort gründeten Sie das Institut für Wirtschaftsethik, das sie 20 Jahre lang leiteten. Wie kamen Sie als Wirtschaftswissenschaftler ausgerechnet auf die Ethik? Ulrich: Nach meinem Studium habe ich fünf Jahre lang in einer betriebswirtschaftlichen Unternehmensberatung gearbeitet. Dort wurde ich mit Mandanten konfrontiert, deren Probleme weniger im betriebswirtschaftlichen Bereich lagen. Das Problem dieser Firmen war vielmehr ihr unprofessioneller Umgang mit ethischen und gesellschaftlichen Fragen. Ich hatte schon meine Dissertation über die soziale Verantwortung von Unternehmen geschrieben und später eine Habilitationsschrift über wirtschaftsethische Grundfragen. Nach einer ersten Professur für BWL in Wuppertal war ich dann gut vorbereitet, als der erste Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an einer wirtschaftlichen Fakultät im deutschsprachigen Raum  – an der Universität St. Gallen – zu besetzen war. DAS INVESTMENT.com: Nun sind Sie im Ethik-Komitee der Schweizer Vermögensverwaltung Dr. Höller. Wie kamen Sie dazu? Ulrich: Stefan Streiff, ein freier Mitarbeiter im Beratungsteam unseres Instituts, hat schon länger für Dr. Höller gearbeitet. Dort hat er viele Aspekte des integrativen Ansatzes der Wirtschaftsethik in das ethische Beurteilungskonzept eingebracht. Ich finde es spannend, die Weiterentwicklung und die operative Umsetzung begleiten zu können.

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