Lesedauer: 4 Minuten

Vermögensverwalter-Kommentar: Baustelle China

Marc-Oliver Lux
Marc-Oliver Lux

Keine Angst vor China
China boomt. Nach über 12 Jahren wollte ich mir selbst mal wieder ein Bild vor Ort machen und ging in Peking und Shanghai auf Entdeckungstour. Hong Kong vor und nach der Übergabe an die Chinesen war schon in den 90er Jahren sehr westlich und weltoffen; im Hinterland in Shenzen und Kanton ging aber alles noch gemächlich zu. Hauptfortbewegungsmittel in den damaligen Städten war immer noch das Fahrrad und der Bus. Heute regiert das Auto und der Nahverkehr wurde um U-Bahn und Hochgeschwindigkeitszüge erweitert. Spätestens in Vorbereitung auf die Fußballweltmeisterschaft und der EXPO hat das Land einen Infrastruktur-Sprung hingelegt. Auch architektonisch strebt das Land mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes gen Himmel.
Wer die China-Presse hier in Europa verfolgt, hat manchmal den Eindruck, wir können alle einpacken und China übernimmt die Weltherrschaft. Der Nabel der Welt scheint im Osten Asiens zu liegen. Auch wenn sich die Chinesen selbst gern als Land der Mitte verstehen, zunächst mal ist es ein großes Land mit einer großen Bevölkerung. Das hat Vorteile, schafft aber auch Probleme.
Wohin die Reise China wirtschaftlich und gesellschaftlich führen wird, ist deshalb noch offen. Keine andere Nation macht aber deutlicher, dass unsere westliche Gesellschaftskonzeption vielleicht doch nicht so universell ist. Chinas Führung entwickelt zunehmend eigene Vorstellungen, was sinnvoll für die Welt sein könnte. Diese Ideen decken sich nicht immer mit denen des Westens. Doch dank der Globalisierung sitzt China als Supermacht des Ostens im gleichen Boot wie die westlichen Industriestaaten. Angesichts gegenseitiger Abhängigkeit scheint es sinnlos, auszuprobieren, wer am längeren Hebel sitzt oder wessen Interessen gewichtiger sind.
China hat es in den letzten Jahren sehr gut verstanden, für jede Öffnung des eigenen Marktes für Ausländer Gegenleistungen in Form von Wissens- und Technologie-Transfer einzufordern. Der Westen täte gut daran, seine Energie darauf zu verwenden, auf Reziprozität zu achten als nur immer Ängste vor einer Übermacht Chinas zu schüren.
Erkannt hat das bereits 1705 Gottfried Wilhelm Leibniz, als er schrieb:
“Wenn die Chinesen unsere Wissenschaft gelernt haben, jagen sie eines Tages die Europäer fort, sodass es mir scheint, dass keine Gelegenheit versäumt werden sollte, sich durch einen Austausch ihrer und unserer Kenntnisse zu entschädigen.“

China: Immobilien so weit das Auge reicht
Die Städte Chinas sehen mittlerweile alle gleich aus – vor allem die weniger bekannten Millionenstädte abseits der touristischen Anziehungspunkte wie Peking, Shanghai und Hong Kong. Immer mehr uniforme Wohnsilos schießen in die Höhe, auch weil die Landflucht und der Zustrom in die Städte anhält. Die Altstädte werden platt gemacht, die Bewohner an die billigere Peripherie in Retortenviertel umgesiedelt. Die Städte breiten sich zunehmend in die Fläche aus. Shanghai, mit 18 Mio. Einwohnern mittlerweile eine der größten Städte der Welt, gleicht einem nicht mehr enden wollenden Häusermeer. Shanghais Skyline wird gerade um einen weiteren Superwolkenkratzer ergänzt. Wer mit dem Zug durchs Land fährt, sieht hunderte weitere Wohnungshochhäuser in Bau. Immobilien sind in China nach wie vor das Thema!
In den ersten vier Monaten dieses Jahres seien die Immobilieninvestitionen im Vorjahresvergleich um 20 Prozent gestiegen, teilte das Nationale Statistikamt kürzlich in Peking mit. Der Verkaufswert der Häuser habe dabei sogar um 60 Prozent zugelegt. Die weltweit niedrigen Zinsen begünstigen auch in China die Immobilienspekulation und eine Überhitzung des Marktes. Wertpapiere sind für Chinesen weiterhin nicht ohne weiteres zugänglich und mit Aktien haben einige böse Rückschläge erlebt. Deshalb fließt in China das Geld so stark in den Immobilienmarkt. Vor allem in den Metropolen ist der Aufwärtsdruck besonders stark. Das macht Chinas Führung nervös. Während die Gefahr von Blasen wächst, sind Hauskäufer aus der Mittelklasse frustriert über absurd hohe Preise. Doch der Wohlstandsanspruch der Chinesen wächst und damit die Unzufriedenheit, wenn die Schere zwischen Arm und Superreich zu schnell zu stark auseinanderdriftet.
Weiteres Ungemach droht dem chinesischen Immobilienmarkt auf längere Sicht auch unter einem anderen Aspekt: So schnell die Bauten hochgezogen werden, so wenig ist ihre Bausubstanz mit hiesigen Verhältnissen vergleichbar. Nach einer guten Dekade sind die meisten Gebäude sanierungsbedürftig. Geld fließt aber lieber in Neubauten und so verrotten die alten Gebäude vor sich hin. Selbst mitten in Peking oder Shanghai werden neue stylische Hochhäuser neben schon heute halb verfallenen Bauten hochgezogen. Das Land an sich gehört grundsätzlich dem Staat. Es kann allenfalls gepachtet werden und fällt nach Ende der Pachtzeit (max. 99 Jahre) an den Staat zurück. Auch wenn das Land sehr groß ist – hier drohen jede Menge Bauruinen, wenn die Pächter das Interesse verlieren, weil das Pachtende droht. Bei Unternehmen kommt hinzu, dass in der Regel keine Vereinbarung über die Nachnutzung oder die Beseitigung von Altlasten getroffen ist. Umwelt und Rückbau werden für China früher oder später ein riesen Thema.
Weitere Eindrücke von Dr. Lux on Tour in China unter www.LPVV.de


>> zur Homepage des Autors

Mehr zum Thema
In Asien wird das Luxusleben teurer Chinas Börsen: Der Zusammenhang zwischen Börsengängen und der Entwicklung des Marktes Japans Geldpolitik heizt Währungsspekulation an