Von China-Schwäche bis zu mehr QE

Fünf Fragen an Mario Draghi

Wie stark wird die Erholung im Euroraum von der konjunkturellen Abkühlung in China bedroht? Eine von China ausgelöste Schwäche an den Schwellenmärkten birgt in der Tat das Risiko, den Außenhandel auszuhöhlen, der ein wichtiges Standbein der Erholung im Euroraum darstellt. Die Exporte nach China haben sich seit 2008 verdoppelt und das Land war vergangenes Jahr der drittgrößte Markt für Güter und Dienstleistungen aus dem Euroraum - nach Großbritannien und den USA. Dennoch sollten die jüngsten Daten dem EZB-Rat Grund zur Annahme bieten, dass ihre Konjunkturimpulse endlich bei den Unternehmen und Haushalten ankommen. Die Wirtschaftsstimmung erreichte im August den höchsten Stand seit 2011 und die Arbeitslosigkeit sank im Juli unerwartet auf das niedrigste Niveau seit mehr als drei Jahren. Die Kreditvergabe der Banken steigt wieder seit März, dem ersten Monat des 1,1 Billionen Euro schweren EZB-Anleihekaufprogramms. Zudem befinden sich Indikatoren für die Aktivität im verarbeitenden Gewerbe und Dienstleistungssektor in der Nähe von Vierjahreshochs. Wie aufmerksam verfolgt die EZB die Volatilität an den Finanzmärkten? Die Notenbanker haben die Marktindikatoren wie Wechselkurse, Rohstoffe und Aktienkurse genauestens im Blick behalten, weil stärkere Ausschläge beträchtliche Auswirkungen auf Wachstum und Inflation haben können. Der handelsgewichtete Euro-Kurs hat seit Juni um mehr als zwei Prozent zugelegt, die Aktienmärkte sind abgerutscht und die Ölpreise haben Tiefstände erreicht, die zuletzt 2009 gesehen wurden. Die Frage, ob sich eine Zinserhöhung in den USA -- sobald die Federal Reserve mit dem Straffungszyklus beginnt -- auf Europa auswirken und eine ungerechtfertigte Verschärfung der Bedingungen nach sich ziehen wird, bietet einen weiteren Anlass zur Besorgnis. Während Draghi am Donnerstag wohl gemäßigte Worten wählen wird, dürfte er die Lage noch etwas länger beobachten wollen, bevor er entscheidet, ob ein Handeln notwendig ist. Warum beschleunigt sich die Inflation nicht? Als die EZB im März mit ihrer quantitativen Lockerung begann, waren die Verbraucherpreise auf Jahressicht um 0,1 Prozent gefallen und hatten damit den vierten Monat in Folge im negativen Bereich gelegen. Seitdem hat sich die Inflation bloß auf 0,2 Prozent im August nach oben bewegt. Der Abwärtsdruck auf die Teuerung kann großteils an den fallenden Rohstoffpreisen festgemacht werden. Die Kerninflation stieg auf ein Prozent und erreichte damit das höchste Niveau seit mehr als einem Jahr. Das dürfte die Währungshüter beruhigen, die einen zunehmenden Preisauftrieb erwarten, wenn ihre Impulse durchsickern. Dennoch: das EZB-Ziel einer Inflation von knapp zwei Prozent bei der Gesamtrate wurde seit Anfang 2013 nicht mehr erreicht. Wird die EZB ihre Wirtschaftsprognosen revidieren und liefert das den Impuls für weitere Maßnahmen? Im Lichte der jüngsten Preisentwicklungen erscheint eine Verringerung der Inflationsprognosen unvermeidlich. Nach Einschätzung von Nick Matthews, leitender Ökonom für Europa bei Nomura International in London, wird die EZB ihren Inflationsausblick für 2015 von 0,3 Prozent auf 0,1 Prozent senken und die Schätzung für 2016 von 1,5 Prozent auf 1,4 Prozent zurücknehmen, während die Projektion für 2017 mit 1,8 Prozent unverändert gelassen wird. EZB-Vizechef Vitor Constancio hat zwar weitere Impulse in Aussicht gestellt, wenn sich der Inflationsausblick „beträchtlich ändern“ sollte. Sollte der neue Ausblick allerdings zeigen, dass sich ein stärkerer Preisauftrieb nur verzögert statt auszubleiben, dürfte das wahrscheinlich nicht ausreichen. Draghi könnte allerdings durch weitere schlechte Nachrichten aus China, einer erneuten Euro- Aufwertung oder einen Rückgang der Inflationserwartungen unter Zugzwang geraten. Im Moment wird er aber wahrscheinlich an seinem Skript festhalten und sagen, dass die Anleihekäufe bei Bedarf ausgeweitet oder über den September 2016 hinaus verlängert werden können. Wird die EZB die Ausnahmeregelung für Griechenland wieder einführen? Die Finanzminister des Euroraums haben im August ein Rettungspaket für Griechenland im Umfang von bis zu 86 Milliarden Euro gebilligt. Damit endete ein Streit über Hilfsauflagen, der dazu geführt hatte, dass die EZB den griechischen Banken den Zugang zu ihren regulären Refinanzierungsgeschäften verwehrte. Der EZB- Rat könnte nun in Betracht ziehen, diese Liquiditätslinien wieder herzustellen. Dazu müsste eine Ausnahmeregelung wieder eingeführt werden, die der Zentralbank ermöglicht, die qualitativ schlechter beurteilten Verbindlichkeiten von Griechenland als Sicherheiten zu akzeptieren. Der Schritt würde den Banken des Landes ermöglichen, nicht mehr die teurere Notfallliquidität in Anspruch zu nehmen, und würde theoretisch auch griechische Staatsanleihen für das EZB-Programm zur quantitativen Lockerung qualifizieren. Zudem würde das Signal verstärkt, dass die Griechenland-Krise und die daraus entstandene Bedrohung der Solidarität im Euroraum der Vergangenheit angehören.

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