Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

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Wachtendorf-Kolumne

Der 100-Jährige, der auf sein Konto sah und lächelte

„Kredit nur an 80-Jährige in Begleitung ihrer Eltern“, verkündete früher ein beliebtes Saloon-Schild in Westernfilm-Parodien und Lucky-Luke-Comics. Eine Botschaft, die ihre schroff zurückweisende Wirkung mehr und mehr zu verlieren droht: Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge leben schließlich heute bereits rund 17.000 über 100-Jährige in Deutschland, 2050 sollen es fast sechsmal so viele sein.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Trend in der Werbung aufgegriffen würde – so wie es derzeit die Bayerische Versicherung in ihrer preisgekrönten Kampagne Die 100-Jährigen kommen tut. Und natürlich dürfen auch dabei flotte Sprüche nicht fehlen. „Ich habe erst aufgehört, mich um meine Kinder zu sorgen, als ich erfuhr, dass sie im Altersheim leben“, lautet einer davon, „Ich erledige immer alles auf die letzte Minute“ ein anderer.

Die Botschaft der durchaus ansprechend gestalteten Kampagne ist klar: Geld allein macht im Alter nicht glücklich, doch ohne die passende private Vorsorge könnte es spätestens ab 99 eng werden. Und was eignet sich besser dafür als eine private Rentenversicherung, die auch mit 105 noch die bei Abschluss vereinbarte Summe Monat für Monat pünktlich aufs Konto überweist?

Jeder Vorsorgesparer, der sich durch diese Botschaft angesprochen fühlt, ist gut beraten, sie als das zu nehmen, was sie ist: Werbung. Von den Vor- und Nachteilen einer privaten Rentenversicherung einmal ganz losgelöst lässt sich die Tatsache, dass die Deutschen immer älter werden, auch ganz anders interpretieren: nämlich als weiteres Argument pro Aktienfonds. Denn wenn Bayerische-Vorstand Martin Gräfer zufolge „100 das neue 65“ ist, tun sich für diese bislang sträflich vernachlässigte Form der Altersvorsorge noch einmal ganz neue Möglichkeiten auf.

Dazu nur zwei Rechenbeispiele. Hieß es früher, für einen 50-Jährigen lohne sich Aktiensparen nicht mehr, weil ihm zur Kapitalbildung nur 15 Jahre blieben, stellt sich die Lage heute anders dar. Angenommen, dieser 50-Jährige spart 15 Jahre lang 200 Euro, die sich mit durchschnittlich 5 Prozent pro Jahr rentieren. Mit 65 Jahren kann er dann über rund 53.000 Euro verfügen. Was er aber nicht tut, sondern dieses Geld einfach im Fonds belässt: Sollte er 35 Jahre später tatsächlich zu den Mitgliedern des 100er-Clubs gehören, hat sich das Investment – weiter durchschnittlich 5 Prozent Rendite pro Jahr vorausgesetzt – auf 292.000 Euro erhöht. Das dürfte reichen, auch die restlichen Lebensjahre ohne allzu großen Verzicht zu gestalten.

Und so sieht die Rechnung für einen heute 30-Jährigen aus: Monatlich 200 Euro bis zum 65. Lebensjahr in einen Aktienfonds-Sparplan eingezahlt ergeben bei 5 Prozent Rendite 222.000 Euro. Bis zum 100. Geburtstag werden daraus – ohne weitere Zuzahlungen – 1,2 Millionen Euro. Man muss schon unverbesserlicher Pessimist sein, um sich unter diesen Voraussetzungen von der unsäglichen Vokabel „Langlebigkeitsrisiko“ Angst einjagen zu lassen.

Eine Milchmädchenrechnung? Jein. Natürlich wird sich das Kapital nicht linear entwickeln. In einzelnen Kalenderjahren sind auch zweistellige Verluste denkbar und sogar wahrscheinlich. Doch das gleicht sich früher oder später durch entsprechend höhere Gewinne in anderen Jahren aus, und als Durchschnittswert sind 5 Prozent Rendite für ein langfristiges Aktien-Investment auch im aktuellen Niedrigzinsumfeld nicht zu hoch angesetzt. Letztlich bietet wegen der niedrigen Zinsen auch die Versicherungswirtschaft mehr und mehr Produkt-Varianten an, bei denen die von den Kunden gezahlten Prämien direkt an die Börse fließen – nur, dass dort von 200 Euro pro Monat deutlich weniger ankommt als bei einem Aktienfonds.

Sicherheit und Garantien – alles gut und schön, aber für den reinen Kapitalanlage-Prozess eines langfristigen Altersvorsorge-Sparers absolut verzichtbar. Vielleicht sollte der Fondsverband BVI einmal eine Kampagne mit einem 100-Jährigen starten, der genau das frühzeitig erkannt hat. Ein passender Spruch dazu findet sich bestimmt. Spontan fiele mir ein abgewandeltes Zitat von Warren Buffett ein: „Die Frage, wie ich reich geworden bin, ist leicht zu beantworten.“

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