Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

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Wachtendorf-Kolumne

Fondsrechner: Hätte, hätte, Fahrradkette

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Wer schon einmal bei einer Rede gefilmt wurde und die Chance hatte, das Ergebnis anschließend auf dem Bildschirm zu studieren, kennt das Gefühl: Man ist nur selten mit sich zufrieden, weil die Kamera jedes Detail einfängt und auch kleinste Schwächen erbarmungslos offenlegt. Selbstreflektion kann schmerzhaft sein.

Nicht viel anders fühlt es sich manchmal an, wenn man vor langer Zeit getroffene oder unterlassene Anlageentscheidungen noch einmal Revue passieren lässt. Gelegenheit dazu geben Online-Portale wie Fondsweb.de, wo jeder Nutzer in der Abteilung Analyse beliebig viele reale Berechnungen zu Einmalanlagen und Sparplänen durchführen kann.

Wer schon in den 90er Jahren mit dem Fondssparen begonnen hat, erlebt dabei unweigerlich den einen oder anderen Aha-Effekt. Was wäre zum Beispiel bis heute aus jenen 50.000 Euro im Fidelity Thailand geworden, den man Anfang 2004 – nach einer siebenjährigen Phase des Einsammelns zu immer tieferen Tiefkursen und einer Verdopplung im Jahr 2003 – mit einer Rendite glattgestellt hat, die es zur damaligen Zeit auch auf einem Sparbrief gegeben hätte? Der Rechner verrät es: 188.842,09 Euro.

Okay, der 2004 als Ersatz ins Depot geholte Biotech-Fonds lief auch nicht schlecht und hätte ungefähr denselben Ertrag gebracht. Hätte, denn er wurde ja Ende 2012 verkauft, weil nach rasanter Rally mit einer Korrektur und günstigeren Einstiegskursen im folgenden Jahr zu rechnen war. Falsch gerechnet, 90 Prozent Wertzuwachs verschenkt.

Unter ganz neuem Licht erscheint auch die Ankündigung eines Bekannten, Mitte 1998 zur Geburt der ersten Tochter einen Sparplan im Oppenheim Food einzurichten. Ein Fonds für Nahrungsmittelaktien, das klang damals ziemlich langweilig, ohne Pep. Der Fondsrechner sieht es heute anders: 100 Euro, seit Juli 1998 Monat für Monat investiert, summieren sich bei einer durchschnittlichen Rendite von 8,2 Prozent auf über 40.000 Euro. Irgendwie sexy, bei nur einer Anlageentscheidung in 16 Jahren und unter für einen Aktienfonds erstaunlich niedrigen Schwankungen.

Thailand, Biotech, Nahrungsmittel – der Sinn einer solchen Reise in die Vergangenheit liegt nicht darin, sich reichzurechnen oder sich mit im Rückspiegel nur halb richtigen oder sogar grundverkehrten Entscheidungen zu quälen. Sondern darin, den Blick für das Wesentliche zu schärfen. Erstens: In der Ruhe liegt die Kraft. Wer sich nach reiflicher Überlegung für ein Investment entscheidet, sollte ihm die Zeit lassen, sich zu entfalten. Und zweitens: Auf lange Sicht kommt es gar nicht so sehr darauf an, stets zum richtigen Zeitpunkt gekauft und auch noch den besten Fonds erwischt zu haben. Sondern darauf, überhaupt dabei gewesen zu sein.

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