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Smartphone-Geschäft in Shanghai Foto: imago images / VCG

Experten von Franklin Templeton

China könnte zur Gefahr für den Westen werden

Herr Lai, während weite Teile der Welt noch mit den Folgen der Corona-Pandemie kämpfen, wächst Chinas Industrie bereits wieder so schnell wie seit Jahren nicht. Was läuft da besser?

Michael Lai, Franklin Templeton

Michael Lai: Wie wir alle wissen, haben sich die Spielregeln durch Covid-19 grundlegend geändert. Da China frühzeitig durch Kontaktverfolgung und allgemeine Anpassungen des gesellschaftlichen Lebens auf den Corona-Virusausbruch reagiert hat, kommt das Land besser durch die Pandemie als der Rest der Welt.

Bei der Bekämpfung von Corona mangelte es an globaler Führung, während China bei der Viruseindämmung voranmarschierte. Dank seiner frühzeitigen Reaktion schließt das Land nun wirtschaftlich noch rascher zu seinen Wettbewerbern auf – auch zu den USA.

Chetan Sehgal, Franklin Templeton

Chetan Sehgal: Wir erleben, wie die Pandemie die Kluft zwischen China und dem Rest der Welt in vielerlei Hinsicht vertieft. Langfristig gesehen dürfte das Corona-Virus nur ein vorübergehender Dämpfer für das Wachstum Chinas sein, dessen Wirtschaft sich schnell erholt.

Was bedeutet das für die entwickelten Volkswirtschaften?

Lai: Das Misstrauen zwischen China und dem Westen wächst schon seit einiger Zeit, nicht erst seit Covid-19. In den vergangenen vier Jahren ist in einigen westlichen Ländern das Verständnis gewachsen, dass China eine Gefahr für ihre politische Vorherrschaft darstellen könnte, nicht nur in Asien, sondern auf der ganzen Welt.

Ist die Globalisierung am Ende?

Lai: Dass China nicht als Modell für eine liberale Demokratie taugt, dürfte klar sein. Doch die chinesische Führung, die sich in den vergangenen drei Jahrzehnten darauf konzentriert hat, den Lebensstandard der Menschen zu heben, kann eine beeindruckende Erfolgsbilanz vorweisen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf ist nach Weltbank-Angaben von 317 US-Dollar im Jahr 1990 auf gut 10.000 US-Dollar im Jahr 2019 gestiegen.

Nun ist die Frage, ob China es schafft, nicht in die Falle des mittleren Einkommens zu tappen. Das heißt: Es vermeiden kann, dass die Wirtschaft auf einem mittleren Einkommensniveau stagniert. Diese Falle ist – mit Ausnahme von Singapur, Taiwan und Südkorea – zum Fluch der Schwellenländer geworden.

Aber dennoch nehmen die Investmentchancen in den Schwellenländern eher zu, oder?

Lai: Bleiben wir beim Beispiel China: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt richtet sich immer stärker auf den Binnenkonsum aus. Das Land ist zudem nicht länger die „Werkbank der Welt“, sondern produziert immer hochwertigere Technologieerzeugnisse, etwa Computerchips.

Sehgal: Durch das Corona-Virus ist deutlich geworden, wie störanfällig die globalen Lieferketten sind. Nun stehen sie unter zunehmendem Diversifizierungsdruck – die Abhängigkeit von China wird als zu groß wahrgenommen. Trotzdem ist es um die chinesischen Exporte überraschend gut bestellt, denn die Lieferketten im Land sind intakt – und der Rest der Welt hat keine andere Wahl, als auf Produkte aus dem Reich der Mitte zurückzugreifen. Die meisten Länder treiben also weiterhin Handel mit China. Lieferketten lassen sich nicht über Nacht ändern, auch wenn wegen Covid-19 oder aus anderen Gründen ein Wandel angestrebt wird.

Angesichts der divergierenden Interessen ist aber anzunehmen, dass das Corona-Virus den Aufbau getrennter Lieferketten beschleunigen wird. Die Ungewissheit der Zukunft wertet Unternehmensfaktoren wie geistiges Eigentum, Wettbewerbsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit auf. Meiner Einschätzung nach werden führende Technologieunternehmen, die diese Merkmale in den Vordergrund stellen, weiterhin florieren.

Lai: Es sieht in der Tat danach aus, dass die Globalisierung der vergangenen 25 Jahre am Ende ist. Die Produktion wird wahrscheinlich getrennt: Auf der einen Seite China, auf der anderen der Rest der Welt. Ein Halbleiterwerk im Wert von 10 Milliarden US-Dollar lässt sich nicht über Nacht verlegen, daher wird es dauern, bis der Wandel vollzogen ist. Und ich befürchte, dass vor allem die Verbraucher den Preis für diese geopolitisch bedingte Doppelung der Lieferketten zahlen.

Herr Seghal, was müssen Anleger jetzt über den chinesischen Gesundheitssektor wissen?

Sehgal: Die chinesische Regierung hat ein Umfeld geschaffen, in dem sich Innovationen lohnen, daher gab es im vergangenen Jahr viele Produktzulassungen. Die China Food and Drug Administration (CFDA) hat dafür gesorgt, dass innovative Forschungsergebnisse aus China künftig in globale Arzneimittelstudien einfließen können. In diesem Zusammenhang wurden die Zulassungsstandards verbessert.

Die Folge ist mehr Wettbewerb auf dem Markt und ein Preisrückgang vieler Generika. Damit verbessern sich nicht zuletzt die Aussichten für eine bezahlbare Gesundheitsversorgung in China. Andererseits könnte dies auch das Gewinnpotenzial der Unternehmen im Gesundheitssektor beschränken.

Lai: Ich war überrascht, wie schnell dieses Jahr innovative Verfahren und Produkte zugelassen wurden, sowohl von der chinesischen als auch von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde. Als Investoren sind wir besonders an chinesischen Unternehmen interessiert, die die Zulassung der US-amerikanischen FDA haben. Denn dies deutet darauf hin, dass ihr Produkt auf dem richtigen Weg ist und in der nächsten Zeit auch die Zulassung der chinesischen CFDA erhalten wird.

Wo finden sich Ihrer Meinung nach unentdeckte Chancen?

Lai: Die Handlungsmöglichkeiten, die China im anhaltenden Handelskonflikt mit den USA hat, sind derzeit begrenzt. Der Wahlsieg Joe Bidens könnte jedoch für etwas Entspannung sorgen und die aufgeheizte Stimmung abkühlen. China hat schon immer eine langfristige Strategie verfolgt. Nach dem globalen „Made in China 2025“-Plan für das verarbeitende Gewerbe wird die Regierung einen ehrgeizigen 15-Jahres-Plan mit dem Titel „China Standards 2035“ umsetzen: Damit sollen globale Normen für die nächste Technologiegeneration festgelegt werden. Der Plan umfasst einen Vorstoß zur Anhebung der inländischen Standards in der Informations- und Biotechnologie wie auch Verbesserungen bei der Verfügbarkeit von Mobilfunktechnologie der fünften Generation (5G), bei künstlicher Intelligenz und Big Data, die als wichtige Treiber der künftigen Technologieinfrastruktur gelten.

Sehgal: Wichtig ist darüber hinaus: Anlegern stehen neben dem Kauf börsennotierter Werte aus China weitere Wege zu einem Engagement in der chinesischen Wirtschaft und im chinesischen Markt offen. Sie könnten zum Beispiel Aktien eines brasilianischen Unternehmens kaufen, dessen Umsätze überwiegend von einer starken chinesischen Wirtschaft abhängen. In jedem Fall sehe ich für China weiterhin enorme Chancen. Das Corona-Virus hat zu einem breiteren Einsatz von Technologie geführt, die Innovationstätigkeit verstärkt und die Konsolidierung der Industrie beschleunigt. Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Sektoren haben sich an die Trends angepasst, die durch die Pandemie ausgelöst wurden.

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