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Altersdiskriminierung Wie der „Fluch der 35“ Chinas Wirtschaft belastet

Berufsmesse in China: Ältere Arbeitnehmer haben es im Reich der Mitte schwer – Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz ist weit verbreitet.
Berufsmesse in China: Ältere Arbeitnehmer haben es im Reich der Mitte schwer – Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz ist weit verbreitet. | Foto: Imago Images / NurPhoto

Chi Lo, BNP Paribas AM

Die alternde Bevölkerung kann das chinesische Wachstum belasten. Um dem entgegenzuwirken, plant das Land eine schrittweise Anhebung des gesetzlichen Rentenalters. Zusammen mit anderen Reformen könnte das mehr als 200 Millionen Arbeitskräfte in die Erwerbsbevölkerung bringen. Die Altersdiskriminierung auf dem chinesischen Arbeitsmarkt behindert jedoch die Bemühungen. Das könnte der Wirtschaft und dem Bestreben der Regierung schaden, eine globale Technologiemacht zu werden. 

Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz ist in China weit verbreitet. Zwar gibt es sie in vielen Ländern, doch betrifft sie in der Regel Arbeitskräfte ab dem Alter von 45 Jahren. In China aber beginnt sie bereits bei 35 Jahren – ein Trend, der auch als „Fluch der 35“ bezeichnet wird. Das ist weitaus früher als in vielen anderen Ländern. In den USA beispielsweise schützt das Gesetz gegen Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz Arbeitnehmer ab 40 Jahren.

In China ist Altersdiskriminierung nicht illegal. Selbst die Regierung praktiziert sie: Gemäß Artikel 18 der Bestimmungen über die Einstellung von Beamten werden nur Personen einstellt, die jünger als 35 Jahre sind. Es überrascht nicht, dass viele Unternehmen diesem Beispiel folgen.

 

Spätere Hochzeit, weniger Kinder

Die Arbeitgeber gehen davon aus, dass jüngere Mitarbeiter produktiver – und billiger – sind als ältere, obwohl es für einen Produktivitätsvorteil keine Beweise gibt. Die Forschung zeigt vielmehr, dass die Produktivität eines Arbeitnehmers einem umgekehrten U folgt: Zu Beginn der beruflichen Laufbahn ist sie niedrig, steigt dann mit zunehmender Erfahrung an und erreicht ihren Höhepunkt rund um das Alter von 40 Jahren oder etwas später, bevor sie gegen Ende des Berufslebens wieder abfällt. Das bedeutet: Unternehmen mit einer Altersgrenze für die Einstellung könnten hochproduktive Arbeitnehmer verpassen.

Der „Fluch der 35“ schränkt die Mobilität der Arbeitskräfte ein. Außerdem werden ihre Arbeitsplätze zunehmend unsicher, wenn sie sich diesem Alter nähern. Das kann weitreichende sozioökonomische Auswirkungen haben: Junge Chinesen zögern die Heirat hinaus und verzichten auf Kinder (siehe Grafik).

Grafik: Geburtenrate in China nimmt kontinuierlich ab

Sources: BNP Paribas Asset Management, 17 July 2023

Das wiederum hat das Problem der alternden Bevölkerung verschärft und die Bemühungen der Regierung, die Geburtenrate zu erhöhen, zunichte gemacht. Zur Erinnerung: China hat 2016 die Ein-Kind-Politik abgeschafft und 2021 eine Drei-Kind-Politik eingeführt.

Derweil führt die Altersdiskriminierung zu einem Rückgang der Erwerbsbevölkerung. Im Jahr 2022 gab es in China rund 962 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren. Von ihnen waren 430 Millionen zwischen 35 und 49 Jahre alt. Das sind 45 Prozent der Arbeitnehmer, die potenziell aufgrund von Altersdiskriminierung aus dem Erwerbsleben ausscheiden könnten.

Altersdiskriminierung gefährdet Chinas Ziele

Altersdiskriminierung steht Pekings Ziel entgegen, China zu einer globalen Technologiemacht auszubauen, die Wirtschaft zu modernisieren und eine nachhaltige langfristige Entwicklung auf den Weg zu bringen. Das Durchschnittsalter der Urheber wichtiger Erfindungen und wissenschaftlicher Durchbrüche ist im Laufe der Zeit gestiegen: Innovationen kommen nicht mehr überwiegend von jüngeren Arbeitnehmern.

Mit dem Übergang Chinas zu einer wissensbasierten Wirtschaft geht die Anzahl körperlich anstrengender Arbeitsplätze, beispielsweise in der einfachen Fertigung, bereits zurück. Erfahrung ist heute wichtiger als es körperliche Fähigkeiten sind.

Ältere Arbeitnehmer schneiden aufgrund ihrer größeren Erfahrung und ihres höheren Verantwortungsbewusstseins in verschiedenen Berufen besser ab als ihre jüngeren Kollegen. Das zeigen Belege aus China und anderen Ländern. Untersuchungen im Reich der Mitte haben darüber hinaus ergeben, dass eine wahrgenommene Altersdiskriminierung in einem Unternehmen die Innovationsbereitschaft eines Mitarbeiters negativ beeinflussen kann. Altersdiskriminierende Praktiken, die den beruflichen Aufstieg von Arbeitnehmern mittleren Alters und älter behindern, könnten Innovationen und damit die nationale strategische Entwicklung ausbremsen.

Alles eine Frage der Einstellung

In China erhalten ältere Arbeitnehmer häufig einen Gehaltsaufschlag für das Dienstalter. Das hält die Arbeitgeber davon ab, ältere Arbeitnehmer einzustellen. Seinen Ursprung hat dies in der maoistischen Planwirtschaft, als der staatliche Sektor lebenslange Beschäftigung bot. Die Entlohnung und Beförderung von Arbeitnehmern basierte unabhängig von der Leistung weitgehend auf dem Dienstalter.

Seit Deng Xiaopings wirtschaftlicher Liberalisierung in den 1980er-Jahren ist der Lohnaufschlag jedoch gesunken. Marktreformen haben die Löhne in der Privatwirtschaft stärker an den wirtschaftlichen Wert oder die Produktivität der Arbeitnehmer als an das Dienstalter gebunden.

Die chinesische Wirtschaft hat sich weiterentwickelt. Das gilt auch für die Haltung gegenüber dem Alter. Die Kosten für den Ausschluss älterer, erfahrener Arbeitnehmer steigen, während die Bevölkerung altert und die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter schrumpft.

Die staatlichen Medien haben wiederholt dazu aufgerufen, den „Fluch der 35“ durch ein Gesetz zu beenden. Der Wunsch der Öffentlichkeit danach wird stärker. Die Abschaffung der Altersdiskriminierung wird ein entscheidender Schritt sein, um das Problem des schwindenden Arbeitskräftereservoirs in China in den Griff zu bekommen – damit die Volkswirtschaft angesichts der Bevorzugung der Jugend nicht in Kürze alt aussieht.

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