Redakteur Andreas Harms Foto: Nadine Rehmann

Kommentar zum Gamestop-Hype

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Ich könnte an dieser Stelle die sozialromantische Version bemühen und feststellen: An der Börse ist der Kampf zwischen klein und groß, arm und reich, gut und böse entbrannt. Suchen Sie sich eine Variante davon aus, die Ihnen gefällt.

An der Börse ist dieser Tage einiges los: Eine Schar Kleinanleger und/oder Spekulanten hat sich aufgemacht, den bösen Hedgefonds das Handwerk zu legen. Wie in einem Finanz-Flashmob stimmen sie sich ab, kaufen bestimmte Aktien und treiben damit die Kurse um ein Vielfaches hoch auf bisher unbekannte Höchststände. Das Paradebeispiel ist die Aktie des Videospiel-Händlers Gamestop, die in drei Monaten um 1.500 Prozent (kein Schreibfehler) zulegte.

Einige Hedgefonds haben genau diese Titel (meist aus gutem Grund) aber leerverkauft und damit auf fallende Kurse gewettet. Nun müssen sie die Reißleine ziehen und ihre Positionen mit Verlust schließen, sprich: die Aktien wieder zurückkaufen. Vielleicht gehen sie Pleite und müssen ihre Läden dichtmachen.

Medien bemühen gern das Bild von „David gegen Goliath“: Die kleinen, modernen über Soziale Medien organisierten Rebellen gegen die großen Hedgefonds. Eine – durchaus verständliche – Häme schwingt da natürlich mit. Schließlich sind manche Hedgefonds-Manager nicht zimperlich bei dem, was sie tun. Und mit ihnen trifft es auch nicht immer die ganz Armen.

Das wirklich bedenkliche ist die andere Seite, nämlich die der Käufer. Zu denen fällt mir ein anderes Bild ein: Das vom Stuhltanz im Kindergarten, auch bekannt als „Reise nach Jerusalem“. Solange die Musik spielt und alle tanzen, ist alles okay. Aber sobald es still wird, prügeln sich die Kinder um die Stühle, und am Ende heult eins.

So wird es auch hier enden, denn das Ganze ist auf gar keinen Fall der Börsenwitz, für den es gerade weltweit gehalten wird. Hier werden mitunter fast wertlose Aktien aus Jux und Dallerei zu Mondkursen aufgepumpt. Das heißt, dass irgendjemand sie zu diesen Preisen gekauft haben muss, denn nur so entsteht ja ein Kurs. Und das sind ganz sicher keine Profi-Anleger, denn die sind dafür zu schlau.

Damit die Kurse aber weiter steigen, muss die Nachfrage noch höher sein als zuvor. Aus fundamentalen Gründen wird das nicht passieren. Damit ist die ganze Spielerei zu einem Schneeballsystem geworden. Kippt das Ganze auch nur ein bisschen, brechen die Kurse ein. Die dann einsetzende Panik wird auch kein noch so sozialer Medien-Kanal wieder aufhalten können. An welchem Punkt das passieren wird, weiß keiner, dass es passieren wird, steht aber völlig fest.

Sollten das alles reiche Menschen sein, die nur ein bisschen Spielgeld hineingepumpt haben, soll mir das recht sein. Ich fürchte aber, dass das nicht der Fall ist. Somit stehen wieder tausende Anleger als Verlierer da, die sich zu einem Spiel haben hinreißen lassen und im Zweifel empfindliche Geldmengen verloren haben. Aber diejenigen, die zuerst da waren und die anderen angestiftet haben, sind mit ihrem Gewinn schon abgedampft. Damit sind sie schlimmer als die von ihnen so bekämpften Hedgefonds.

Dazu fällt mir nur ein einziges Zitat ein: „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Die Börse hat in der Wirtschaft eine wichtige Funktion: Sie soll Geldgeber und Geldnehmer, also Anleger und Unternehmer zusammenbringen und Geldströme in sinnvolle Richtungen lenken. Schade, dass sie zwischenzeitlich immer wieder in ein Casino umgebaut wird. Und jetzt sogar in ein Spielzimmer.

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